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Lokalnachrichten

» Schwäbisch Gmünd | Montag, 14. April 2014

Kann sich Gmünd noch einen Hindenburg-​Platz leisten?

100 Jahre nach dem Beginn des ersten Weltkriegs und fast 70 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs steht immer noch Aufräumen an. Aufräumen bedeutet in diesem Zusammenhang für Kommunen, geschichtsbezogene Namen von Straßen und Plätzen zu hinterfragen.

SCHWÄBISCH GMÜND (brd). Ändern oder belassen: Seit 1925 hat die Gmünd einen Hindenburgplatz. Oberbürgermeister Richard Arnold weiß um die verschiedensten Bewertungen, die sich um den „Sieger von Tannenberg“ ranken, und hat deshalb zusammen mit dem „Arbeitskreis Erinnerungskultur“ den namhaften Hindenburgforscher Wolfram Pyta von der Universität Stuttgart nach Schwäbisch Gmünd eingeladen. Gedacht als Rathaussoiree musste die Veranstaltung in den Hans-​Baldung-​Grien-​Saal im Stadtgarten verlegt werden.
160 Besucher zeigten nämlich mit ihrem Kommen , wie wichtig Informationen sind, nachdem Diskussionen um Namen wie Maria Kahle, Richard Bullinger, Franz Konrad und Carl Peters nicht immer zufriedenstellend gelaufen waren. Ist auch Generalfeldmarschall und Reichspräsident Paul von Hindenburg heute noch mit einem eigenen Platz in Gmünd „ehrungswürdig“, fragte der OB in seiner Anmoderation. Andererseits gelte es auch die vielen besorgten Anfragen von Anwohnern zu bedenken, berichtete er, für die eine Namensänderung nicht nur organisatorischen Aufwand bedeutete, sondern auch mit Kosten verbunden sei.
Die Mehrzahl der im Raum Versammelten hatte ihren Hindenburg noch gut im Kopf, einige wohl auch noch aus elterlichen Erzählungen präsent. Auf diese Wissensgrundlage konnte der Referent aufbauen und Akzente setzen, ohne jedoch für die Fragen der Stadt ein eindeutiges Werturteil abzugeben.
Gleich zwei Mal war der pensionierte General und Teilnehmer der Kriege gegen Österreich( 1866) und Frankreich (1870/​71) aus dem Ruhestand geholt worden. 1914 im Alter von 67, um zusammen mit dem „enfant terrible“ Ludendorff an der Ostfront für Erfolge zu sorgen, und 1925, um 78-​jährig auf Grund seiner militärischen Reputation in das Amt des Reichspräsidenten gewählt zu werden. In diesem Amt nutze er seinen enormen Gestaltungsspielraum, in dem er nicht an das Votum des Reichstags gebunden war.
Pyta bezeichnete ihn als einen „begnadeten Geschichtspolitiker“, einen „zweiten Wallenstein der deutschen Geschichte“. Anhand von Fotos und Portraits zeigte er ihn auch als „instinktsicheren Medienmann“, der sich mit der „Macht der Inszenierung“ bestens auskannte. Schnell und effektiv habe er sich neben dem launenhaften Kaiser zum neuen Symbol eines gerechten Verteidigungskriegs emanzipiert und konnte selbst aus der Niederlage noch politischen Nutzen ziehen, indem er für Kontinuität sorgte, „die Kardinalseigenschaft eines Politikers“.
Ob bei der „Entsorgung“ des Kaisers oder bei der viel späteren, knappen Verabschiedung Brünings, Hindenburg agierte als geschickter Regisseur, der mit Hilfe von wechselnden „politischen Lebensabschnittgemeinschaften“ sein großes Ziel der Volksgemeinschaft, der innerlich geeinten Nation, verfolgte und er dabei ganz auf die Jugend setzte. Er wollte aktiv gestalten. Als dieses Ziel mit den ungeliebten und sich selbst lähmenden Präsidialkabinetten Heinrich Brünings Anfang der 30-​er Jahre nicht mehr erreichbar war, setzte er auf Adolf Hitler, dem er in dieser Hinsicht am meisten zutraute.
Pyta sah Hindenburg auch nach der Machtübernahme Anfang 1933 als autonom an und keinesfalls als senilen Greis. Seine Unterschrift unter das Ermächtigungsgesetz deutete er nicht als eigene Entmachtung. Alles schien in seinem Sinn zu laufen. Er hat auch bewusst nicht einmal seinen eigenen Regimentskameraden und von ihm ernannten Reichskanzler General Kurt von Schleicher 1934 vor dessen Tod bewahrt. Hindenburgs politisches Testament endete mit den Worten: „Ich scheide von meinem deutschen Volk in der festen Hoffnung, dass das, was ich im Jahre 1919 ersehnte und was in langsamer Reife zu dem 30. Januar 1933 führte, zu voller Erfüllung und Vollendung der geschichtlichen Sendung unseres Volkes reifen wird.“
Fragen zu Dolchstoßlegende, zur Gewalt auf Straßen in der Weimarer Zeit, zur Rolle der Polizei und zu Hindenburgs Unterschrift unter die Notverordnung am 28. Februar 1933 schlossen sich an. Aber auch die Frage, wie andere Städte mit Umbenennungen umgingen, spielte eine Rolle. OB Arnold verwies als Moderator darauf, dass der Name „Hindenburg“ an 46. Stelle der häufigsten Straßennamen stehe, und dass viele Städte und Kommunen sich durchaus unterschiedlich beim Thema Umbenennung verhalten und entscheiden würden.
Rudolf Böhmler vom Arbeitskreis Kultur bedankte sich bei der Stadt und beim Referenten. Er warnte vor einer Polarisierung bei der Behandlung des Themas, machte aber auch keinen Hehl daraus, dass er gegen eine Umbenennung sei. „Wir sind stark genug, das auszuhalten“. OB Arnold versicherte abschließend, nichts zu überstürzen. Eine breite, ernsthafte Beteiligung der Öffentlichkeit sei entscheidend. „Wir sehen nicht weg und wir wischen nicht einfach weg. Wir brauchen Zeit.“

Veröffentlicht von Rems-Zeitung, Redaktion.
Lesedauer: 176 Sekunden.

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Hinweis: Dieser Artikel wurde vor 1702 Tagen veröffentlicht.


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