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Nachrichten Leinzell

Walli Erika Müller, die Hundertjährige, die sich wohl fühlt bei ihrer Tochter in Leinzell

Es ist nicht damit zu rechnen, dass Walli Erika Müller am Donnerstag aus dem Fenster steigt und verschwindet. Sie wird zwar hundert Jahre alt, wie der Held im Romanerfolg, aber bei ihrer Familie geht es ihr denkbar gut.

Mittwoch, 23. Juli 2014
Rems-Zeitung, Redaktion
3 Minuten Lesedauer


LEINZELL (bt). Von der Kindheit in Ostpreußen, von der furchtbaren Flucht über die Ostsee und dem so schwierigen Neuanfang in Schleswig und dann im Schwäbischen erzählt die Jubilarin wenig. Weit weg ist das alles. Viele Menschen beginnen mit den Jahren, immer mehr in der Vergangenheit zu leben: Für Walli Müller war das nie wichtig. Bis heute gilt ihr ganzes Interesse dem Jetzt. Den Menschen und der Welt um sie herum. Sie ist seit 20 Jahren blind. Aber wenn ihr Tochter Erda morgens die Zeitung vorliest, winkt sie vielfach ab – nicht wenige Nachrichten hat sie bereits im Radio gehört. Ihr Interesse gilt Politik und Zeitgeschehen generell, zudem den Sportergebnisse, vor allem Tennis und der Formel 1; an der Fußball WM nahm sie natürlich auch Anteil. Liebster Zeitvertreib ist das Fernseh-​Hören. Da gibt es nämlich viele spannende Dokumentationen. Ganz gleich ob’s Erkenntnisse aus dem Tierreich, aus dem alten Ägypten oder zur Entstehung der Kontinente sind: Walli Müller kriegt nicht genug davon. So viel hören, so viel lernen zu dürfen, davon konnte sie als Mädchen nur träumen.
Manchmal fühlt sie sich schon sehr alt, meinte sie gestern im Gespräch mit der RZ. Aber es gibt noch viel zu erfahren. Und jetzt freut sie sich erst mal auf die Gratulanten heute und aufs große Familienfest am Samstag: Mit ihren Kindern Rudi, Manfred und Erda kommen fünf Enkel und sechs Urenkel. Das jüngste Familienmitglied ist sieben Jahre alt. In diesem Alter war Walli ein kleines Mädchen in Ostpreußen und die Welt eine andere.
So viele schwere Stunden
waren zu ertragen
Geboren in Königsberg, kurz vor dem Beginn des ersten Weltkriegs, hat die Kleine ihren Vater mit sechs Jahren kennengelernt – er wurde erst 1920 aus französischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Walli Erika Obst wollte immer Damenkleider entwerfen und nähen, nahm aber den Ausbildungsplatz, den sie kriegen konnte und wurde Herrenschneiderin. 1933 heiratete sie einen engen Freund ihrer Brüder. Hans Loock, ein junger Mann aus Danzig, war zunächst nur zum Musizieren ins Haus gekommen, dann auch, um ihr den Hof zu machen. Die Jungs spielten damals mit viel Herzblut in einer Kapelle, doch sein Geld verdiente der Zukünftige als Beleuchter im Königsberger Schauspielhaus. Dass ein so guter Musiker so gar nicht tanzen konnte: Wenn sie von ihrem ersten Mann spricht, lächelt die Jubilarin. Viel Zeit zum Glücklichsein blieb nicht. Im Krieg verlor sie den Mann, den Vater, beide Brüder. Sie stand vor dem Nichts, als sie die Heimat verlassen musste. Vier Wochen irrten die Flüchtlinge mit Fischerbooten auf der Ostsee umher, im Dunkeln ohne Licht, bei leisesten Flugzeuggeräuschen die Motoren abstellend. Immer wieder abdrehend, als sie feststellten, „dass die Russen schon da waren“. Kein Wort der Klage ist von der Jubilarin zu hören, das ganze Gespräch über nicht. Aber wer die Geschichte dieser Jahre kennt, weiß, was sich hinter den dürren Fakten verbirgt. Erste Station war eine Turnhalle in Schleswig mit Kindern, kranker Mutter und nichts als dem eisernen Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Immerhin hatte sie einen Beruf erlernt. Sie heiratete erneut, einen Nachbarn aus der alten Heimat, Heinz Müller, doch das ging nicht gut. Die Familie wurde 1953 nach Schwäbisch Gmünd umgesiedelt, in die Kiesäcker. Dort begannen wiederum schwierige Jahre; die „Flichtling“ verstanden vielfach kein Wort. Die Bitte „Sprechen Sie doch deutsch“ – und die Reaktionen darauf – brachte keine Entspannung, und dass die protestantischen Neu-​Gmünder schließlich begriffen, dass sie gemeint waren, wenn die katholische Ordensfrau darum betete, die „Heiden“ sollten zum wahren Glauben finden, machte es auch nicht einfacher.
Allein, die Müllers bissen sich durch. 1963 aber sah es aus, als sei dieses Leben, das unter keinem guten Stern stand, vorbei. Eine Krebserkrankung ließ kaum Hoffnung. Fast ein Jahr Krankenhaus in St. Ludwig, in Stuttgart und Tübingen folgte. Niemand hätte Walli Müller damals noch lange Zeit zu leben gegeben. Das ist über ein halbes Jahrhundert her, und der Krebs ist nicht wiedergekommen.
Die Jahre, die kamen, waren keine schlechten. 1974 fand sie bei Tochter ein letztes Mal ein neues Zuhause. Für ihre Mutter begann Erda Schuster-​Ernst vor 28 Jahren, in der Seniorengemeinschadt Leinzell mitzuarbeiten, deren Vorsitzende sie längst ist. Mutter und Tochter stehen sich sichtlich nahe. Pummelchen hat die Tochter die Mutter immer liebevoll genannt, was lächeln lässt beim Blick auf den so zerbrechlich wirkenden Körper. Apropos: Zum 90. Geburtstag hat sich die alte Dame den rechten Arm gebrochen, vor ein paar Monaten den linken: „Der Arzt sagt, sie heilt besser als eine Junge“, freut sich die Familie über die Chance, gesund alt zu werden; es gebe noch andere Belege für hohes Alter. Und Walli Müller will auch morgen noch interessiert sein.

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