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Historiker Simon Paulus spricht mit der RZ über die Bedeutung der Imhofstraße 9

Dass die Imhofstraße 9 das große Haus der Gmünder Juden war, steht außer Frage, auch, dass Teile des Gebäudes als Synagoge oder Betraum genutzt wurden. Wann jedoch und wie dies geschah, ist nicht beantwortet, und endlich erfährt dieses Haus die Beachtung, die ihm zukommt.

Samstag, 21. Mai 2016
Rems-Zeitung, Redaktion
1 Minute 40 Sekunden Lesedauer

SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Im Gespräch mit der RZ argumentiert Dr. Simon Paulus vom Lehrstuhl für Architekturgeschichte der Uni Stuttgart, ein ausgewiesener Kenner mittelalterlicher Synagogen, unter anderem mit der Standortkontinuität, wie sie in vielen Städten zu finden sei. Mit Blick aufs Archiv (siehe unten), gilt als sicher, dass die Imhofstraße 9 im 15. Jahrhundert von der jüdischen Gemeinde genutzt wurde. Gmünd hat ein Judenhaus. Ein Domus Judaeorum.
Es gebe die These, dass dieses Haus Stadtadelssitz war, der später in ein jüdisches Gemeindehaus umgewandelt wurde, das neben einem repräsentativen Bet-​raum, der „Männerschul“ und einer weiteren Frauenschul auch weitere Räume für Wohn– und Versammlungszwecke, womöglich einen Tanzsaal beherbergte. Denkbar sei freilich auch, dass das Gebäude bereits unter einem jüdischen Bauherrn errichtet wurde und von Beginn an auch die Funktion als Synagoge und repräsentatives Versammlungshaus übernehmen sollte – für Paulus mit Blick auf die damalige Stellung der Juden im Reich eine schlüssige These. Die Aufwertung jüdischer Gotteshäuser als städtische Bauten mit repräsentativem Charakter finde sich auch in Speyer, Erfurt oder Prag.
Für Gmünd, so Simon Paulus, sei die Imhofstraße 9 generell als mittelalterliches Bauzeugnis von großer Bedeutung; es sei aber auch „als ein für den mitteleuropäischen Raum einzigartiges Zeugnis jüdisch-​christlicher Lebenswelten im Mittelalter einzuschätzen“. Derzeit seien im Kulturraum des mittelalterlichen aschkenasischen Judentums „nur wenige Bauzeugnisse überliefert, die vergleichbare Aufschlüsse über die Adaption eines repräsentativen Wohnbautypus für den jüdischen Kultus geben“ könnten. Mit dem Befund in Gmünd stehe erstmals ein bemerkenswert gut erhaltenes Beispiel für einen solchen Typus zur Verfügung, der bislang nur über archivalische Quellen fassbar gewesen sei.
Simon Paulus empfiehlt der Eigentümerin, der Stiftung Heiligenbruck, dringend eine archäologische Sondierung auch auf dem umgebenden Areal, besonders hin zur südlich angrenzenden Stadtmauer – laut Vorstand Robert Dinser wird damit bereits im Juni begonnen. Grundsätzlich rät Paulus dringend zu weiterer Begleitung der Sicherungs– und Sanierungsmaßnahmen durch die Bauforschung, eine wissenschaftliche Aufarbeitung archivalischer Quellen und dabei insbesondere der jüdischen Quellen.
In ihrer Samstagsausgabe berichtet die RZ über die bauhistorischen Befunde und das Interesse der Fachwelt, über die Geschichte der Juden in Gmünd sowie über die angedachte Nutzung der Imhofstraße 9

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