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Tänzerinnen aus Gmünd wurden Opfer von Hasskommentaren

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Foto: gbr

Eine Gruppe von Gmünder Frauen tanzt auf dem Weihnachsmarkt und dem Publikum gefällt das. Ein kurzes Video im Internet wird dann von Leuten gesehen, denen allein die vermeintlich muslimische Kleidung der tanzenden Frauen reicht, um sie mit frauen– und fremdenfeindlichen Kommentaren zu beleidigen. Die Frauen wollen sich das aber nicht gefallen lassen und haben bei der Polizei Anzeige erstattet.

Dienstag, 18. Dezember 2018
Gerold Bauer
2 Minuten 35 Sekunden Lesedauer

„Wir wollen mit unseren Tanzauftritten Menschen eine Freude machen“, sagt die Choreographin und Übungsleiterin Denise Fürstenau. „Und dies ist uns bisher auch stets gelungen!“ Völlig aufgewühlt musste die ansonsten resolute Gmünderin (die viele als Bauchtänzerin aus der Staufersaga kennen) zur Kenntnis nehmen, wie ihre Tanzgruppe aufgrund des kurzen Videos auf der Facebook-​Seite der Rems-​Zeitung von weit über 100 Kommentatoren in den Dreck gezogen wurde. Und zwar mit Bemerkungen, die in jeglicher Hinsicht aus der untersten Schublade stammten und hier bewusst nicht wiederholt werden. Die Stadt Gmünd als Veranstalter hat sich im Gespräch mit der Rems-​Zeitung ebenso klar zum Thema positioniert wie die evangelische Dekanin Ursula Richter und der katholische Dekan Robert Kloker. Unisono wurde darauf verwiesen, dass sich das Geschehen in der Heiligen Nacht im Orient ereignet hatte und mithin ein orientalischer Tanz keineswegs unpassend auf einem Weihnachtsmarkt ist — zu lesen in der Ausgabe vom 18. Dezember.

„Klare Kante“ zeigt dazu auch der RZ-​Kommentar:

Schweigen ist falsch
THEMA: Wie soll man mit Hass und Hetze im Internet umgehen?
Von Gerold Bauer

Man kann die sozialen Netzwerke für asozial halten, kann sie kategorisch ablehnen und boykottieren oder selbst darin aktiv sein. Nur eines kann und darf man nicht: Einfach so tun, als gäbe es überhaupt kein Facebook, keine Hasskommentare und keine Menschen, die die Anonymität des Internets nutzen, um andere nach Lust, Laune und politischer Gesinnung mit Dreck zu bewerfen.
Das kann im Grund alle treffen, die in sozialen Netzwerken etwas von sich erzählen, Bilder posten oder ein privates Video publizieren. Keine der Gmünder Frauen hätte im vorhinein jemals gedacht, dass ihr Lichtertanz ins Kreuzfeuer von Leuten mit frauen– und fremdenfeindlicher Gesinnung gerät. Doch dies ist genau das Verhängnisvolle: Veröffentlichungen in Facebook können eine Eigendynamik entwickeln, die man als Administrator einer Seite in extremen Fällen nicht mehr mit dem Löschen einzelner deplatzierter Bemerkungen in den Griff bekommt. Da hilft dann nur noch die „Reißleine“. Soll heißen, durch Löschen oder Verbergen den Hetzern die Plattform entziehen und die Opfer dadurch schützen.
Noch besser wäre es freilich, wenn sich im Netz all jene zu Wort melden würden, die mit unflätigen Äußerungen oder extremen politischen Ansichten nicht einverstanden sind. Bleibt hingegen eine Hass-​Attacke im Internet unwidersprochen, dann entsteht der Eindruck, dass die schweigende Mehrheit ebenso denkt. Dabei sind Vertreter extremer Richtungen immer in der Unterzahl. Dies gilt für kriminelle Clans genauso wie für Leute, die einen kräftigen Rechtsruck in der deutschen Politik wünschen und so tun, als wäre mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs der Nationalsozialismus wieder gesellschaftsfähig. Ist er aber nicht und darf er auch nie wieder werden.
Die Parole „Wehret den Anfängen“ war seit Kriegsende noch nie so wichtig wie heute. Denn nur wenn die breite Masse die Augen verschließt, während Unrecht zu Recht erklärt wird, haben Extremisten eine Chance. Wie das funktioniert, hat Deutschland ja schon erlebt. Natürlich waren nicht alle Deutschen zwischen 1933 und 1945 überzeugte Nazis. Aber viele haben die Vorhänge zugezogen, wenn im Haus gegenüber die Schlägertruppen beim jüdischen Kaufmann die Schaufenster eingeworfen haben – und sie haben weggeschaut, wenn Nachbarn nur aufgrund ihrer Religion abgeholt und in Viehwaggons in Vernichtungslager gekarrt wurden. Schweigen bedeutet zwar nicht automatisch Zustimmung – aber es kann so interpretiert werden und damit in der Öffentlichkeit ein völlig falsches Bild vermitteln!

Diskutieren Sie mit uns unter face​book​.com/​r​e​m​s​z​e​itung oder schreiben Sie eine Mail an gerold.​bauer@​remszeitung.​de

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