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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Baukultur und Klimaschutz: Vom Höhlenbewohner zum Stadtmenschen

Foto: gbr

Dass die Bundesstiftung Baukultur aus Berlin in Gmünd eine Tagung zum Thema „Räume umgestalten“ durchführte war für die Stadt eine große Ehre. Man kam auch deshalb nach Gmünd, weil hier in den vergangenen Jahren ein beispielhafter Stadtumbau stattgefunden hat und es auf dem Hardt innovativ weiter geht. Klimaschutz spielt dabei auch eine wichtige Rolle. Für die Rems-​Zeitung war dies ein Anlass, in den „Marginalien“ an 2. Oktober auf die kulturgeschichtlichen Zusammenhänge zwischen Baukultur und Klimaschutz zu blicken. Die „Marginalien“ können Sie hier in voller Länge und gratis lesen:

Sonntag, 03. Oktober 2021
Gerold Bauer
2 Minuten 46 Sekunden Lesedauer

Baukultur und
Klimaschutz

Sich ein Nest bauen, das vor der Witterung schützt und als „Kinderstube“ dient – das machen nicht nur die Vögel, sondern auch wir Menschen. Aber darüber hinaus waren wir schon in grauer Vorzeit vom Wunsch beseelt, im Zuhause die reine Funktionalität zu überschreiten. Höhlenmalereien sind ein Beispiel für den Hang, das eigene Umfeld nicht so zu nehmen, wie es naturgegeben ist, sondern es nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Und damit ist schon relativ gut erklärt, warum man von „Baukultur“ spricht, die diese Woche bei einer bundesweiten Tagung in Gmünd in den Blickpunkt gerückt wurde.
Menschen waren es irgendwann leid, nur als Jäger und Sammler ihr Dasein zu fristen. Die einen fingen an, nicht nur wild lebende Tiere zu erlegen, sondern sie zu züchten. Andere wollten nicht mehr darauf angewiesen sein, als Sammler in der freien Natur genug zu essen zu finden. Sie begannen damit, Land einzuzäunen. Es kommt nicht von ungefähr, dass man noch heute als Synonym für Zäune oder Mauern das alte Wort „Einfriedung“ kennt. Indem ein Stück Natur „eingefriedet“ wurde, konnte man es vor Bedrohung schützen – zum Beispiel vor wilden Tieren, die Ackerfrüchte gerne auf ihren Speiseplan setzten. Die Natur wurde „kultiviert“, und in romanischen Sprachen kommt dies dadurch zum Ausdruck, dass man Landwirtschaft als „Agricultura“ bezeichnet. Wer Ackerbau betreibt, muss zwangsläufig „an der Scholle kleben“ und lebenslang oder gar über Generationen hinweg sesshaft sein. Dazu waren Höhlen als Behausung der Menschheit nicht geeignet. Das Zuhause musste dort sein, wo man seinen Lebensunterhalt in der Landwirtschaft verdiente. Zum Ackerbau kam der Bau von Häusern — es war die Geburtsstunde der Architektur.
Von jener Zeit, als sich der Mensch auf seinem Stück Ackerland eine Hütte zum Wohnen baute, sind wir schon so weit entfernt, dass die „ Zivilisation“ oft völlig vergessen hat, wo sie herkommt: Die Natur zu kultivieren und zu nutzen war schon in der Steinzeit die Basis der Existenz – und ist es, wenn man es konsequent denkt, auch heute noch. Egal wo das Essen herkommt, das wir im Supermarkt, beim Bäcker und Metzger oder vielleicht im Hofladen direkt vom Bauern kaufen: Trotz aller chemischer Produkte, die man heute der Nahrung hinzufügt, müssen die Hauptzutaten für unser Essen irgendwo auf einem Stück Land gesät und gepflanzt werden, müssen wachsen, gedeihen und geerntet werden.
Im urbanen Raum ist das Bewusstsein für diese Nahrungskette aber längst abhanden gekommen. Es muss dort auch niemand Holz hacken, um im Winter eine warme Stube zu haben. Alles, was das Leben angenehm macht, kommt von „irgendwo“ her, ist einfach da. Damit sinkt die Wertschätzung für das, was uns auch heute noch von der Natur geschenkt wird. So ist es zu erklären, dass bei der Gestaltung unserer Lebensräume die Baukultur keinen Bezug mehr zur „Agrikultur“ hat und deshalb selten Rücksicht auf die Natur nimmt. Wohnen und Mobilität produzieren schädliche Emissionen, und von versiegelten Böden wird Wasser nicht mehr aufgenommen, sondern in Kanälen abgeleitet.
Die Folgen wurden jahrzehntelang verdrängt, doch inzwischen sind sie unübersehbar. Beklemmende Bilder in den Medien führen uns Dürrekatastrophen und Überschwemmungen vor Augen. Mancher mag sich beim Wort „Flut“ an die biblische „Sintflut“ erinnern. Nach christlicher Lesart schickte Gott die Wassermassen, um die Fehlentwicklung seiner Schöpfung „auszuspülen“. Dieser Gedanke ist schon sehr nahe dran an dem, was inzwischen weltweit immer häufiger passiert: So manche „Naturkatastrophe“ ist kein Werk der Natur, sondern die Folge menschlichen Fehlverhaltens. (pilatus)

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