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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Fern jeder Realität

Foto: picture alliance /​SULU​PRESS​.DE | Torsten Sukrow/SULUPRESS.DE

Sie sind am Anschlag, am Limit, am Ende ihrer Kräfte. Wie man es auch sagen mag: Es gibt nicht dieses eine Wort, das auch nur annähernd jene physische und psychische Belastung beschreibt, der Pflegekräfte, Medizinische Fachangestellte, Ärzte, Sanitäter seit der mittlerweile gut zwei Jahre andauernden Corona-​Pandemie ausgesetzt sind.

Sonntag, 21. November 2021
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 8 Sekunden Lesedauer

Es ist eine Belastung, die sie deshalb erdulden müssen, da es die Politik es nach wie vor versäumt, endlich wissenschaftliche Fakten als Grundlage für Entscheidungen zu sehen und sich wundert, warum es nicht gelingt, „vor die Welle“ zu kommen, wie man in der Pandemiezeit so gerne sagt. Man war nie davor. Und jetzt? Soll die epidemische Lage auslaufen. Es klingt wie eine Groteske, wird jedoch Realität.
Geschichte wiederholt sich, besonders in der Corona-​Pandemie sind die Auswirkungen dramatisch, zumal die vergangenen wie auch die nun beschlossenen Maßnahmen von einer Realitätsverzerrung zeugen, die wider besseren Wissens als Hospitalisierungsinzidenz das gesellschaftliche Leben bestimmt. Oft genug wurde nachgewiesen, dass dieser Wert nahezu nutzlos ist, den Stand der Pandemie darzustellen. Alles, was dieser Wert ausdrückt, ist ein Rückblick auf die Zeit von vor zwei Wochen. Er hinkt der Realität hinterher. Ebenso unrealistisch ist die Gültigkeit von PCR-​Tests von 48 Stunden. Labore benötigen derzeit im Schnitt zwei bis drei Tage für die Analyse. Sobald also das Testergebnis vorliegt, ist es schon wieder ungültig. Und dann?
Nun soll auch die epidemische Lage enden – in einer Zeit, in der die Kennzahlen der Pandemie tagtäglich neue Höchstwerte erreichen. Am Freitag stieg gar die Inzidenz im Ostalbkreis auf 700,9. Kein Landkreis in Baden-​Württemberg hat mehr. Und dennoch werden mit dem Ende der epidemischen Lage regionale Lockdowns, Ausgangssperren und weitere Maßnahmen dann für die Länder nicht mehr möglich. Wie es weitergeht, lässt sich mit simpler Mathematik vorhersagen. Innerhalb kürzester Zeit verdoppelt sich beim exponentiellen Wachstum die Zahl der Infektionen. Wären es nur Husten, Schnupfen, Heiserkeit – niemand würde sich groß dafür interessieren. Doch es ist Corona, ein Virus, das tausenden Menschen das Leben gekostet hat und noch kosten wird. Das zeigt die Vergangenheit.
63,2 Prozent der Menschen aus dem Ostalbkreis haben mittlerweile den vollen Impfschutz – die Mehrheit, jedoch reicht es längst nicht für die Herdenimmunität von 80 Prozent. Auch wenn die Schwelle angesichts des zögerlichen Impffortschritts weit entfernt zu liegen scheint, ist es durchaus legitim, ja sogar notwendig, über Freiheiten für Geimpfte nachzudenken, etwas für das allzu menschliche Bedürfnis nach Begegnungen zu tun, insbesondere in der Weihnachtszeit, die seit jeher von den Begegnungen und der Nähe zu den liebsten lebt. Weihnachtsmärkte als Ort der Begegnung – einfach zauberhaft. Doch unangebracht.
Rings um Schwäbisch Gmünd werden Weihnachtsmärkte abgesagt, was mit Blick auf die Infektionszahlen kaum verwundert. Umso erstaunlicher ist, wie beharrlich man in Schwäbisch Gmünd selbst am Weihnachtsmarkt festhält, um einen „Ort der Begegnung“ zu ermöglichen. Weihnachtsmarkt in Zeiten von pandemischen Negativrekorden — ja oder nein? Diese Entscheidung kann man weder in Berlin noch in Stuttgart oder in Aalen der Gmünder Stadtverwaltung abnehmen. Wenn eine Stadt ein gutes Gefühl dabei habe, sei es möglich, sagt Landrat Joachim Bläse. Anscheinend fühlt man sich in Schwäbisch Gmünd wohl. Wie wohl Pflegekräfte, Arzthelferinnen und Co. über diese Beharrlichkeit denken?

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