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Sinn und Unsinn auf Wahlplakaten

Grafik: rz

Die Wahlwerbung begleitet die Menschen im Gmünder Raum seit Wochen auf ihren täglichen Wegen. Und nicht wenige machen sich dabei ihre Gedanken über den Sinn oder Unsinn von dem, was an Text auf den Plakaten prangt. Die Rems-​Zeitung hat ebenfalls einen kritischen Blick auf die Slogans und die Bilder geworfen. Die Marginalien, die Sie auch online in vollem Umfang und gratis lesen können, befassen sich diese Woche damit!

Sonntag, 19. September 2021
Gerold Bauer
2 Minuten 41 Sekunden Lesedauer

Am Marterpfahl der Bundestagswahl

Dort, wo die Zivilisation zu Hause ist, hängt die Leere am Laternenmast, dem Marterpfahl der Bundestagswahl. Mit Kabelbindern hat man sie festgezurrt, auf dass sie dort ausharren, bis die Bundestagswahl vorüber ist. Nicht eher kommen still und heimlich Helfer, parken Autos neben den Masten, um das plakatgewordene Nichts zu beseitigen, das an eine erstaunlich inhaltsfreie Wahl erinnert. Schlussendlich bringen sie diese Schilder auf den Wertstoffhof, wo sie sich zu einer gizehgleichen Pyramide türmen, ohne dass je jemand auf die Idee käme, diesen Papphaufen für ein Weltwunder zu erklären. Verwunderlich sind darin allenfalls beispielsweise Plakate von Christian Lindner, die tausendfach darauf warten, sinnvoll recycelt zu werden und bis dahin weiter einen FDP-​Mann zeigen, der sehr viel, wiederhole: sehr viel arbeiten muss. Man sieht Lindner am Schreibtisch, eine Lampe brennt, es muss abends sein, er scheint Überstunden zu machen und etwas zu unterschreiben, vielleicht Autogrammkarten. Neben ihm türmt sich ein gigantisch hoher Papierstapel, etwas mehr als kugelschreiberhoch. Vielleicht Rechnungen vom letzten Einkauf beim Herrenausstatter. Muss heute noch überwiesen werden, sonst Mahnung. Man bekommt sofort das mitleidige Gefühl: „Nie gab es mehr zu tun“. Für ihn.
Das muss sich ändern. Und zwar pronto, subito, „Veränderung jetzt!“ (SPD), oder einfach nur „Unteilbar solidarisch. Jetzt!“ (Die Linke). Genau kann man’s nicht sagen, was jetzt, hier und sofort geändert werden soll. Das Wetter vielleicht? Die Zeiten? Nein, es kann nur die dramatische Überarbeitung Lindners sein. Das muss aufhören, sich ändern. Auch er soll sich mal ausruhen dürfen. Also ran an den Lindner’schen Überstundenspeck und Annalena Baerbock (Grüne) beim Wort nehmen. „Veränderung geht nur gemeinsam“, steht auf den Plakaten der grünen Kanzlerkandidatin, um es mit den Worten ihres CDU-​Pendants Armin Laschet zu formulieren, der ebenfalls die Gemeinsamkeit bemüht, und zwar „für ein modernes Deutschland“. Könnte tatsächlich helfen, so eine Modernisierung. Nur was? Die Heizung? Das Dach? Die Küche? Oder meint er das Internet? Ach, Deutschland zu digitalisieren, das wäre prima. Wenn nämlich endlich alle weißen Breitbandflecken Deutschlands beseitigt wären, könnte Christian Linder endlich Online-​Banking nutzen, um die Hemdenrechnungen zu bezahlen.
Man merkt, es gibt eine Menge zu tun im Land. Um das alles auf die Kette zu bekommen, braucht es Macher, die anstatt zu reden einfach „Deutschland gemeinsam machen“ (CDU). Sie fragen sich, wie das geht? Ist ganz einfach. Man macht es wie die Grünen, die wissen’s: „Unser Land kann viel, wenn man es lässt“, steht auf den Plakaten, auf denen leider nicht genügend Platz war, um konkret zu sagen, wie man das Land lassen soll. Man kann es in Ruhe lassen, im Stich, alleine, sogar den Bach runter gehen lassen – oder einfach machen lassen, andernfalls steht sogar die Zeit still: „Zukunft passiert nicht. Wir machen sie.“, heißt ein anderer Slogan der Grünen, wozu man wissen muss, dass die Zukunft die Zeit ist, die der Gegenwart nachfolgt. Passiert also von alleine. Gemacht werden muss hier nichts. Sich die Zukunft vorzustellen ist der utopische Gegenentwurf zur Realität, so als sinniere man über die Verwendung von Lottomillionen, die man samstags zu gewinnen gedenkt, bloß um dann festzustellen, dass man die Kreuze falsch gesetzt hat. Das nennt man Realität. Hauptsache also, die Kreuze auf dem Wahlzettel sitzen richtig. Wer das schafft, verdient die Anerkennung von SPD-​Kanzlerkandidat Olaf Scholz, der sagt: „Respekt für Dich“. Sag mal, Olaf, seit wann sind wir beim Du?
(Franz Kaspar)

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