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Vom Spaziergang (Marginalie)

Foto: rz

Spazieren zu gehen ist beileibe nichts Verwerfliches. Im Gegenteil. Ein Spaziergang in der freien Natur, an der frischen Luft kann durchaus Leib und Seele erbauen und fördert die Gesundheit — meistens jedenfalls. Die Marginalie, die am 8. Januar in der Rems-​Zeitung zu lesen ist, befasst sich eingehend mit diesem Thema, beleuchtet den Spaziergang aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln.

Sonntag, 09. Januar 2022
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 32 Sekunden Lesedauer

„Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“ So beschreibt Johann Wolfgang von Goethe den Spaziergang. Auch Joseph von Eichendorff fand leidenschaftliche Worte: „O Täler weit, o Höhen, o schöner grüner Wald, du meiner Lust und Wehen andächt’ger Aufenthalt“. Große Maler wie Caspar David Friedrich und Pierre-​Auguste Renoir haben dem Flanieren, dem Promenieren Kunstwerke gewidmet. Spazieren gehen hat also durchaus eine hohe kulturelle Wertschätzung erfahren. Wobei durchweg die Natur, der Wald, die freie, offene Landschaft als Orte des Geschehens beschrieben werden.

Der Begriff „spazieren gehen“ soll vom italienischen spaziare stammen – und bereits seit dem 15 Jahrhundert in Gebrauch sein. Die Übersetzung laut pons: in Abständen aufstellen, umherschweifen, sich ausbreiten oder ausdehnen. Ursprünglich war mit dem Spazierengehen vor allem das Lustwandeln der Aristokratie gemeint. Der Luxus, durch edle Gärten und Parks zu flanieren. Erst viel später gab es öffentliche Parks und Anlagen, wo auch das Bürgertum sich im Spazieren ergehen konnte.

Der eigentlichen Wortbedeutung wurden Redewendungen hinzugefügt wie „Das war ein Spaziergang“ (wenn etwas ohne viel Mühe zum Erfolg führt) oder „Das wird kein Spaziergang“ (wenn der angestrebte Erfolg mit viel Mühe verbunden ist). Eine Erweiterung erfuhr der Spaziergang durch das Vorwort Verdauung: Der Zweck des Verdauungsspaziergangs ist eine Anregung der Darmtätigkeit.

In jedem Fall ist ein Spaziergang der Gesundheit nicht abträglich. Im Gegenteil: Frische Luft, Bewegung, Zeit und Raum nachzudenken und die Natur zu genießen – gut für Körper und Seele. Spazieren soll auch gegen schlechte Laune, Wut und Ärger helfen, weil es den Kopf frei macht.

Eine völlig neue Interpretation tritt jedoch neuerdings auf und negiert sämtliche oben genannten Aspekte: Spazierengehen mitten in der Stadt, mitten auf den für den Kraftfahrzeug-​Verkehr gedachten Straßen und dicht an dicht im Pulk. Das kann der Gesundheit nicht zuträglich sein. Selbst wenn man gutwillig ist und keine Hintergedanken darin vermutet. Wenn man nicht unterstellt, dass der plötzlich in Mode gekommene Spaziergang nicht als eine verdeckte Protestversammlung gemeint ist. Wenn man nicht unterstellt, dass diese Spaziergänge einzig dem Zweck dienen, die für Protestversammlungen geltenden Regeln zu umgehen. Selbst wenn man keine bewusste Art der Provokation darin sehen will. Es ist mit Sicherheit ungesund. Auch dann, wenn man voraussetzt, dass sich im Spaziergedränge (man erinnere, spaziare – sich ausbreiten) keine Viren auf den Weg von Mensch zu Mensch machen: Die eher kohlen– als sauerstoffhaltige Luft über den Straßen taugt beim Einatmen maximal dazu, das Gehirn zu vernebeln.

Man möchte diesen Stadtspaziergängern gerne zurufen: „Nehmt eure Kinder und Enkel, trennt euch vom Pulk und lustwandelt in der schönen Landschaft, die sich rund um Schwäbisch Gmünd erstreckt. Endlose Möglichkeiten gibt es zwischen Wald und Alb für ausgedehnte Spaziergänge. Wege von hinreißender Schönheit, die es zu erkunden gilt. Ein körperlicher wie geistiger Mehrwert ist gesichert. Und wer sich statt eines Stadtplans einer Wanderkarte des Schwäbischen Albvereins bedient, kann sogar kurze, mittlere und lange Strecken finden – zeitlich wie räumlich. Die Topographie taugt für die, die das Flachland bevorzugen, die also eher die Remsstraße zum Eingewöhnen genutzt haben, wie für die, die nach der Trainingsroute Königsturmstraße schon Steigungen schaffen. Zum guten Schluss: Albert Einstein soll geraten haben: „Geh recht viel spazieren, dass Du recht gesund wirst und lies nicht gar zu viel, sondern spar Dir noch was auf bis Du groß bist.“ (Clara)

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