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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Vom Sparen

Grafik: rz

Überall wird man derzeit zum Sparen aufgerufen: Gas, Strom, Sprit. Die Inflation zwingt zusätzlich viele Haushalte zum Sparen. Doch warum macht man das so ungerne? Damit beschäftigt sich die Marginalie diesen Samstag.

Sonntag, 30. Oktober 2022
Sarah Fleischer
2 Minuten 32 Sekunden Lesedauer

„Sparen ist nie schön“ – dieser Satz fiel im Bezug auf die aktuelle Situation, in der das böse S-​Wort allgegenwärtig ist. Man muss ja nicht in Saus und Braus leben, aber sich Dinge einfach leisten zu können, ohne vorher fünf mal überlegen zu müssen, ist schon angenehmer. Doch aktuell, so zumindest die Aussage des Stadtwerke-​Chefs im Gemeinderat, sparen die Gmünder wohl zu wenig. Dabei ist das Sparen an sich ja eine Spezialität der Schwaben – sollte man zumindest meinen. Ob es Spaß macht, ist wieder eine andere Frage.

Sicher, wenn man sich den täglichen extra-​großen Vanille-​Chocolate-​Chip-​Frappé mit Sahne und Karamellsoße für fünf Euro verkneift, um Geld für den nächsten Urlaub zu sparen, dann hat man wenigstens etwas, worauf man sich freuen kann. Oder wenn man als Jugendlicher das Geld vom Ferienjob ansparte, um davon die neuesten Sneaker, ein Handy oder ähnliches zu kaufen. Auch hier gab es den Belohnungseffekt, dieses „das hab ich mir verdient“, das nach dem Sparen kam. Das fehlt beim Energiesparen leider komplett. Denn wenn man einen Winter lang im Halbdunkel in maximal 19 Grad kalten Räumen ausgeharrt hat, dann – ja was dann? Garantiert bekommt man kein persönliches Dankschreiben von Olaf Scholz, nicht einmal vom Oberbürgermeister.

Sich Luxusdinge zu verkneifen, ist sicher weniger hart, als selbst am Nötigsten sparen zu müssen. Für die einen bedeutet Sparen eben, dass sie im Dezember nur auf 23 statt auf 26 Grad heizen und statt dem 20-​Euro-​Wein eben den 10-​Euro-​Wein kaufen. Für andere bedeutet es: Keine Ausflüge mit den Kindern mehr, kein Eis im Schwimmbad – das dann ja aber sowieso auch nicht mehr im Budget drin ist. Die einen stecken die Abschlagszahlungen in Höhe von mehreren hundert Euro weg und halten an der Weihnachtsbeleuchtung fest, weil die Ersparnis ja Peanuts und rein symbolisch sei. Die anderen können nicht mehr schlafen weil sie nicht wissen, wie sie diesen Monat Miete, Strom und Heizung zahlen sollen.

Und dann gibt es noch die dazwischen: Die wegen der Inflation merken, dass der Einkauf teurer ist und den Kaffee jetzt wirklich nur noch im Angebot kaufen. Die zwar ihre Heizungsrechnung noch gut zahlen können, aber am Ende des Monats bei Null rauskommen – keine Chance, etwas auf die hohe Kante zu legen.

Sparen, das wird deutlich, hat viel mit Einkommen und sozialem Status zu tun. Aber auch mit Solidarität. Es gibt keinen vernünftigen Grund warum diejenigen, die es ohnehin schon schwer hatten und haben, sich auch noch die letzte Freude verkneifen müssen. „Sollen die Hartzer doch ihren Flachbildfernseher verkaufen, dann ist noch Geld für die Rechnung da“ höhnen manche, während sie selbst im wohlig warmen Wohnzimmer den Skiurlaub buchten. Ganz nach dem Motto „Solange der nicht spart, spare ich auch nicht.“ Dass der Fernseher vielleicht ein Geschenk war, reduziert erworben oder lange darauf gespart wurde (Belohnungseffekt!), wird ignoriert.

Man muss sich nicht in Grund und Boden sparen und in Askese leben (oder „Minimalismus“, wie es neumodisch heißt), aber einige können eben größeren Verzicht üben als andere, ohne, dass es ihnen allzu unbequem wird.
Und ja, das macht alles keinen Spaß und niemand klopft einem auf die Schulter und sagt „gut gemacht, gaaanz toll gespart.“ Das einzige, was bleibt, ist vielleicht das gute Gewissen, sich an einer gemeinschaftlichen Aktion beteiligt zu haben. Kaufen kann man sich davon natürlich nichts. Von einem Dankesschreiben des Bürgermeisters aber genau so wenig.

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