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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Elternabend im Emirat

Grafik: RZ

Na, haben Sie es mitbekommen? Diesen Sonntag steigt das „Munich Game“, auf das Fans der amerikanischen National Football League (NFL), von denen es auch hierzulande immer mehr gibt, seit Monaten hinfiebern. Zum kontroversesten Sportevent des Monats taugt die ungewohnte Nutzung der Münchener Allianz Arena jedoch nicht. Zu sehr erregt die bevorstehende WM in Katar die Gemüter.

Sonntag, 13. November 2022
Benjamin Richter
2 Minuten 11 Sekunden Lesedauer

In der Allianz Arena, diesem überdimensionierten Autoreifen mit Leuchteffekt, treffen die Seattle Seahawks auf die Tampa Bay Buccaneers – das allererste NFL-​Spiel in Deutschland überhaupt, nachdem schon London und Mexiko-​Stadt „erobert“ wurden.
Das mag man nun sensationell finden, die unnötige Umweltbelastung durch Flüge von Teams und Fans beklagen oder gähnend mit den Schultern zucken – alle drei Meinungen sind erlaubt, und auch sämtliche dazwischen.
Womit wir beim Thema wären, denn zum kontroversesten Sportevent des Jahres taugt das „Munich Game“ bei allem Glanz und Glamour von Star-​Quarterback Tom Brady und Co. eher weniger. Nicht mal für den Skandal des Monats langt’s.
Die Fußball-​Weltmeisterschaft wurde dem autoritären Wüsten-​Emirat Katar bereits 2010 von der Fifa zugesprochen – und wird schon genauso lange kritisiert. Dass dieser Protest kurz vor dem Turnier nicht eben leiser werden würde, war eigentlich abzusehen.
„Klimatisierte Stadien statt Klimaschutz, Verfolgung bestimmter Sexualitäten, Missachtung von Menschenrechten, keine Meinungsfreiheit“, zählten Fans der Berliner Hertha am vergangenen Samstag auf Transparenten im heimischen Olympiastadion treffsicher einige der Schattenseiten des WM-​Gastgebers in spe auf.
Zu ihren Unterstützern zählt die Aktion #BoycottQatar2022 laut ihrer Webseite auch die Fanszene Heidenheim sowie die VfB-​Fanclubs Rote Karte und Stuttgarter Junxx. Bemängelt werden die unmenschlichen Bedingungen für ausländische Gastarbeiter, von denen laut Amnesty International 15.021 bei den Bauarbeiten für die WM-​Stadien gestorben sind, aber auch die Sanktionen, die unter anderem Besucherinnen und Besuchern drohen, die sich als homosexuell outen.
In Katar wird Homosexualität, wie WM-​Botschafter Khalid Salman erst diese Woche ausführte, als „geistiger Schaden“ betrachtet. Doch auch heterosexuelle Paare, wies kurz darauf DFB-​Vielfaltsbotschafter Thomas Hitzlsperger hin, dürften in Katar ihre Zuneigung nicht in der Öffentlichkeit zeigen.
Er habe vor allem Probleme damit, wenn Kinder Schwule sähen, sagte Salman: Diese würden dann etwas lernen, was nicht gut sei. Worüber man hierzulande den Kopf schüttelt, ist bei Elternabenden im Emirat höchstwahrscheinlich eine mehrheitsfähige Meinung.
Bei aller ansonsten sicher angebrachten Kritik am WM-​Land Katar: Kann man diesen Eltern wirklich einen Strick daraus drehen, dass sie für ihre Kinder nur das Beste im Sinn haben? Der Kolumnist mag hier daran erinnern, dass kürzlich am Samstagmittag zur besten Einkaufszeit neben dem einschlägig bekannten Lied „Layla“ auch der Gassenhauer „Olivia“ von den Zipfelbuben nicht ein-​, sondern zweimal laut über den Gmünder Johannisplatz schallte.
„Dich kennt der ganze Laden, vom Kopf bis zu den Waden, und jeder kann dich haben, man muss dich einfach fragen“, grölte der Sänger aus der Konserve den jungen Familien in die Ohren, und es wäre wohl nur nachvollziehbar gewesen, wenn die eine Mama oder der andere Papa ihren Kindern dieselben zugehalten hätten. So wie diesen Herbst vielleicht das eine oder andere katarische Elternteil dem Nachwuchs bei der Begegnung mit einem Schwulenpaar die Augen verdecken wird.
Vielleicht ergibt sich aber schon am Sonntag vor dem Fernseher die Notwendigkeit – schmetterte Tom Brady doch unlängst angesichts drohender Niederlagen zwei Tabletcomputer vor laufender Kamera zu Boden. Liebe Kinder, bitte nicht daheim nachmachen! (Robert Mirko)

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