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Marginalie: Der Chatbot und die Altersgenossen

Grafik: RZ

Woran werden die Menschen sich erinnern, wenn sie in ein paar Jahren an den Dezember 2022 zurückdenken? Vielleicht werden ihnen die ersten ganz auflagenfreien Weihnachtsmärkte nach fast drei Jahren Pandemie einfallen, wahrscheinlich auch das allererste WM-​Finale im Advent. Mag man dem geballten Presse-​Echo Glauben schenken, ist diesen Monat in den Weiten des Internet zugleich der Startschuss gefallen für ein Projekt, das unser aller Leben nachhaltig beeinflussen und verändern wird. Die Rede ist vom auf künstlicher Intelligenz basierenden Chatroboter „ChatGPT“, den unser Kolumnist sogleich auf Herz und Nieren geprüft hat.

Sonntag, 18. Dezember 2022
Benjamin Richter
2 Minuten 7 Sekunden Lesedauer

„Er löst viele Aufgaben exzellent“, lobt die „Frankfurter Allgemeine“ die vom Unternehmen OpenAI, bei dem wie so oft der Milliardär Elon Musk seine Finger im Spiel hat, entwickelte Technologie.

So könne die Software – wobei dieser Begriff für einen Gesprächspartner mit vermeintlich menschenähnlichen Eigenschaften fast zu kurz greift – sich kurze Krimis ausdenken, Karnevalsgedichte schreiben, aber auch komplexe ökonomische Theorien erläutern. Vor den amerikanischen Studienbewerber-​Test SAT gesetzt, schnitt „ChatGPT“ so gut ab wie ein mittelmäßig vorbereiteter Schüler – und damit um Längen besser als sämtliche Androiden vor ihm.

Nun ist unter Schülern und Studenten die Hoffnung, unter Lehrern, Professoren und Dozenten hingegen die Sorge groß, dass sich das intelligente Helferlein – dessen Name sich übrigens von „Generative Pre-​trained Transformer“ ableitet, der folglich anhand vorigen Trainings generiert und transformiert – auch bestens zum Schreiben-​Lassen von lästigen, äh, wertvollen Aufsätzen, Haus– und Abschlussarbeiten eignen könnte.

Das wäre zwar Plagiarismus – da das von „ChatGPT“ gestohlene geistige Eigentum jedoch erst auf einen spezifischen Befehl des Nutzers hin erzeugt und nirgendwo sonst veröffentlicht wird, dürfte es später so gut wie unmöglich sein, den KI-​Schummlern ihr Malefiz nachzuweisen.

Da auch Robert Mirko als willkürliche Vermengung des britischen Schauspielers Robert Pattinson mit dem fiktiven südslawischen Wunderkind Mirko Czentovic aus Stefan Zweigs „Schachnovelle“ keineswegs 100-​prozentig menschlich, sondern humanoid und stolz drauf ist, versteht es sich von selbst, dass der Kolumnist den gesprächigen Roboter sogleich auf Herz und Nieren geprüft hat. Ein am Donnerstag implementiertes Update, das „ChatGPT“ seltener eine Antwort verweigern lässt, spielte ihm dabei in die Karten.

Erste Frage: Was ist das Alleinstellungsmerkmal von Schwäbisch Gmünd? Die KI „überlegt“ zehn Sekunden – in einem weit entfernten Server feuern ungezählte Datendrehkreuze – und haut dann einen Text von etwa der halben Länge dieser Marginalie raus, der die Vorzüge der ältesten Stauferstadt in vier Rubriken unterteilt: die historische und kulturelle Bedeutung, die Schönheit der Natur, das kulturelle Leben inklusive Stauferfest und Gmünder Tafel sowie die Nähe zu Stuttgart und anderen Großstädten.

So weit, so gut. Fehlt noch was? Ach ja – die welterbewürdigen Altersgenossen, die Gmünd ja noch viel exklusiver hat als alle vom Chatbot genannten Aspekte. Also Folgefrage: Warum haben Altersgenossen in Schwäbisch Gmünd eine besondere Bindung?

Nun trennt sich die Spreu vom Weizen. Der Roboter kommt ins Schwafeln, ergeht sich in Allgemeinplätzen wie: „In Schwäbisch Gmünd in Deutschland sind ungefähr gleichaltrige Individuen vielleicht gemeinsam zur Schule gegangen und haben an denselben Aktivitäten teilgenommen.“ Ach was.

Von AGV und Alois keine Spur. Was für eine Erleichterung, dass auch Musks Monologisier-​Maschine bei Weitem nicht alles weiß. (Robert Mirko)

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