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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Klimawandel ist kein Konjunktiv

Foto: Versonnen /​pix​e​lio​.de

Es ist die Frage aller Fragen, die sich seit Rio Reiser Generationen fragen: Was macht man nachts um halb eins, wenn das Fernsehen rauscht? Wenn’s nur noch flimmert, die schwarz-​weißen Pixel wie Ameisen über die Mattscheibe sausen? Man ruckelt am Stromkabel, klopft genervt auf den Receiver, watscht den Bildschirm ab, geißelt das Antennenkabel. Alles vergebens, rien ne va plus. Nichts geht mehr. Also geht man ins Bett. Es ist Zeit fürs Kopfkino. Was würde man als König von Deutschland machen?

Sonntag, 13. März 2022
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 6 Sekunden Lesedauer

Man würde Luftschlösser bauen, ganz andere utopische Welten erschaffen, oder doch einfach nur etwas ganz Banales wollen: „Die Socken und die Autos dürften nicht mehr stinken“, sang Reiser in seinem Lied „König von Deutschland“, was damals wie heute einer gewissen Aktualität nicht entbehrt.

Denn Socken müffeln noch heute. Und viele Autos stinken weiter, wenn auch nicht mehr so sehr, wie es Reiser 1986 erlebt hat, obwohl da bereits der Katalysator erfunden war. Während Socken allem Anschein nach zwar eine Unmenge, jedoch wenig klimarelevanten Mief absondern, hat bei den Fahrzeugen aller Fortschritt bislang nicht wirklich gereicht, um den Klimawandel zu stoppen, den der Mensch bereits mit der industriellen Revolution in Gang gesetzt hat. Er entwickelte, was sein Leben leichter, beschwingter machte, erfand, verbesserte, reizte Grenzen aus. Immer weiter, und selbst wenn der Fortschritt einmal in gutmütiger Zufriedenheit stillgestanden wäre, hätte das doch die Erderwärmung nur verzögert. Hätte, hätte, Fahrradkette – oder anders gesagt: Die Entwicklung ist kein Konjunktiv.

Die Erderwärmung ist real, geht voran und führt zu menschlichem Leid. Einige Auswirkungen des Klimawandels sind nach Angaben von Wissenschaftlern bereits unumkehrbar, wie im Weltklimabericht „Climate Change 2022: Impacts, Adaptation and Vulnerability“ – zu deutsch: Klimawandel 2022: Auswirkungen, Anpassung und Anfälligkeit – nachzulesen ist. Seither unternommene Maßnahmen scheinen unzureichend angesichts der Treibhausgasemissionen. Welche Welt will man seinen Kindern damit hinterlassen? „Ja, wir müssen noch über die ökologische Krise sprechen, in der wir uns befinden“, erzählt ein besorgter Astrophysiker Hubert Reeves in einem wundervollen Buch namens „Wo ist das Weltall zu Ende?“ seiner Enkelin. Er erklärt ihr das Universum, ganz gelassen, einfach, unterhaltsam, wie es eben nur ein Großvater kann. Und selbst für Erwachsene werden der Kosmos und seine Zusammenhänge greifbar, nahbar, ganz ohne Attitüden.

Eben diese ökologische Krise hänge „indirekt mit der Entstehung der Intelligenz bei uns Menschen, mit den Fähigkeiten unseres Gehirns und seinen Leistungen“ zusammen, so Reeves. Obwohl sein Buch inzwischen zehn Jahre auf dem Buckel hat, was nicht einmal ein Wimpernschlag auf der galaktischen Zeitschiene der Gestirne, Lichtjahre und schwarzen Löcher markiert, ist es aktueller denn je. Der Mensch komme irgendwann an jene Stelle, an der sich das Schicksal der Intelligenz entscheide, „ob sie fähig ist, länger fortzubestehen als die Gattung von Lebewesen, die sie weitergegeben hat und die der Umwelt, in der sie sich entwickeln konnte, große Schäden zufügt“. Seit vielen Jahren schlagen Wissenschaftler deshalb Alarm, zuletzt auf 3500 Seiten im Weltklimabericht. Man muss ihn nicht komplett lesen, um zu verstehen: Beim Klimawandel geht’s nicht um ein Stück vom Kuchen. Es geht um die ganze Bäckerei. (Franz Kaspar)

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