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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Wahlsonntag in Frankreich

Grafik: rz

Diesen Sonntag findet die Stichwahl in Frankreich statt: Macron oder Le Pen, liberal oder rechts, für oder gegen Europa — die Differenzen sind groß. Die Hochrechnungen hingegen deuten auf einen kanppen Wahlausgang hin. Warum uns die französische Wahl auch in Deutschland nicht egal sein sollte und was das alles mit Rosen und Reinhard Mey zu tun hat, erklärt die Marginalie diesen Samstag.

Sonntag, 24. April 2022
Sarah Fleischer
2 Minuten 29 Sekunden Lesedauer

„Ich freu mich immer mächtig auf den Wahlsonntag
Denn was ich an dem Tag so ganz besonders mag
Ist die große Monstershow, die Fernseh-​Live-​Diskussion
Mit Vertretern von Regierung und Opposition!“
Zwar bezog sich Reinhard Mey 1990 auf das deutsche Wahlsystem, spannend wird es für unsere direkten Nachbarn diesen Sonntag aber ebenfalls: In Frankreich steht die finale Runde, die Stichwahl zur Präsidentschaftswahl 2022 an. Stichwahl, das klingt nach Duell, nach Auge um Auge, Zahn um Zahn – also sehr ungewohnt für deutsche Wählerinnen und Wähler.
Denn während man in Deutschland bei Wahlen um-​hoch– und breitrechnet, Direktmandante zählt und koaliert was das Zeug hält, gilt in Frankreich: Eine Mehrheit oder keine. Nur, wer mehr als 50 Prozent aller Stimmen auf sich vereinigen kann, wird Staatsoberhaupt. Dass so ein Erdrutschsieg im ersten Wahldurchgang allenfalls in „lupenreinen Demokratien“ vorkommt, dürfte klar sein. Also wird im ersten Schritt die Spreu vom Weizen getrennt, dann geht es ans Eingemachte.
Diesmal im Ring: Emmanuel Macron und Marine Le Pen. Der jüngste Präsident, den Frankreich jemals hatte und der sich als Bänker vor seiner politischen Karriere bereits ein Millionenvermögen erarbeitete, gegen eine Frau, die das politische Erbe ihres Vaters weiterträgt und die man als eine Art französische Beatrix von Storch bezeichnen könnte.
Politisch gesehen haben die Franzosen quasi die Wahl zwischen der FDP und der AfD, besonders gut darin, Minderheiten zu stärken und funktionierende Sozialpolitik zu machen, sind also beide Seiten nicht.
Es liegt daher nahe, das „kleinere Übel“ zu wählen. Bloß – wer das kleinere Übel ist, kommt ganz auf den ursprünglichen Standpunkt an. Es gibt Berichte von Franzosen, die eigentlich den sozialistischen Kandidaten Jean-​Luc Mélenchon als Präsident wollten und jetzt womöglich Le Pen wählen – nur, um eine Wiederwahl Macrons zu verhindern, was ernsthafte Zweifel an ihrer ursprünglichen politischen Motivation aufkommen lässt.
Wer sich fragt, warum uns in Deutschland das tangieren sollte, dem sei gesagt: Herzlich willkommen im Zeitalter der Globalisierung! Haben Sie schon von der EU gehört? Nichts, was andere Länder tun, lässt uns auf die Dauer unberührt, wirtschaftlich wie politisch. Denn so sehr man Macron vorwerfen kann, Politik für Reiche zu machen, Rentenreformen nicht zu verwirklichen und eitel zu wirken, so ist er doch proeuropäisch. Die deutsch-​französische Freundschaft ist noch nicht alt, die Beziehung war lange aus guten Gründen nicht die beste.
Gewänne Le Pen die Wahl, würden diese Verbindungen gefährlich geschwächt, sucht diese Frau doch politischen Schulterschluss mit Politikern wie Ungarns Orban, für den die EU allenfalls eine Lachnummer in einem Spiel ist, in dem er sich nur an die Regeln hält, die ihm genehm sind. Auch aus ihrer Bewunderung für Putin und die ähnlichen Ansichten machte sie in der Vergangenheit keinen Hehl. Ihr Versprechen, im Falle eines Wahlsieges keinen „Frexit“ herbeizuführen, ist etwa so glaubwürdig wie das der katholische Kirche, Missbrauchsvorfälle schonungslos aufzuklären. Ob man sich auf den kommenden Wahlsonntag freuen muss, ist fraglich, ganz kalt lassen kann er einen aber auch in Deutschland nicht.
Die Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich muss gepflegt werden, wie die Rosen im Antibes-​Garten in der Gmünder Grabenallee. Mit einem rechts-​nationalistischen Regierungsoberhaupt in einer der beiden Länder, würde dieser Garten vertrocknen.


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