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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Wunschdenken

Grafik: rz

Inflation, Krieg, Klimakatastrophe — wir leben in unschönen Zeiten. Den einen ist das komplett egal, andere gehen deswegen auf die Straße. Warum wir alle im selben Zug sitzen und junge Leute keine Kinder haben wollen, damit beschäftigt sich die Marginalie diesen Samstag.

Sonntag, 03. April 2022
Sarah Fleischer
2 Minuten 27 Sekunden Lesedauer

Sie gehen wieder auf die Straße. Oder immer noch? Erst letzten Freitag fand auf dem Gmünder Marktplatz eine Kundgebung von Fridays for Future statt, obwohl die Bezeichnung Fridays for Peace auch passend wäre – denn diesmal ging es vor allem auch um den Krieg in der Ukraine.
Doch nicht nur in Schwäbisch Gmünd, auch in anderen Städten strömten die Menschen auf die Straßen, um ihre Solidarität mit der Ukraine zu bekunden, um wenigstens symbolisch Widerstand zu zeigen. Schilder, blau-​gelbe Kleidung, Flaggen, Musik – irgendwie zeigen, dass die Menschen in der Ukraine nicht alleine sind. Man kann das wirkungslose Symbolik nennen. Oder man könnte erkennen, dass hinter diesen Demonstrationen ein Wunsch nach einer friedlichen Welt steckt, nach einer Welt ohne Krieg, Zerstörung, Armut, Flucht und Hunger.
Derselbe Wunsch steckt auch denen, die sonst für mehr Klimaschutz, bezahlbaren Wohnraum und viele andere Dinge auf die Straße gingen und gehen. „Unerträglich, diese naive Jugend, diese Gutmenschen“, wird dann geschimpft, meist von Leuten, die dieses Ohnmachtsgefühl nicht kennen. Das Gefühl, in einem Zug zu sitzen, der auf den Abgrund zufährt, immer schneller und schneller und egal wie sehr man den Zugführer anfleht, anbrüllt und bekniet, endlich die Bremse zu ziehen, er hört nicht zu. Hält sich die Ohren zu, zuckt mit den Schultern, war da was? Passt doch alles so, oder?
Das Gefühl, dass man entweder eine lebenswerte Zukunft vor sich haben möchte, oder aber am liebsten morgen gleich den Weltuntergang – kurz und schmerzlos. Aber bitte nicht dieses langsame, qualvolle dahinsiechen.
Jeden Tag verhungern Menschen, während hier Lebensmittel tonnenweise in den Müll gekippt werden. Und ja, der „Welthunger“ mag prozentual zurückgegangen sein, das macht aber die Millionen von Menschen im Jemen, in Somalia oder Afghanistan nicht satt.
Die Polkappen schmelzen, Eisbären klammern sich an letzte, winzige Eisschollen und in ein paar Jahren sind es nicht mehr die Niederlande sondern die Niederseen.
Gefühlt stirbt jeden Tag eine weitere Tierart aus, bis auf Mastrinder, Schweine in Kastenständen und Käfighühner wird bald nicht mehr viel übrig sein.
Bitten werden abgeschmettert, verhallen.
Überleben mit nur einem Job, der den Mindestlohn zahlt? Das wäre ja zu einfach. Eine bezahlbare Wohnung finden, die nicht so weit außerhalb liegt, dass man täglich zwei Stunden mit den nicht-​vorhandenen öffentlichen Verkehrsmitteln pendeln muss? Anspruch auf Wohnraum wäre ja noch schöner.
Tempolimit für Klimaschutz und Öl-​Sparen? Aber die Wirtschaft!
Preise für Lebensmittel, Sprit und sowieso alles steigen, aber der Lohn bleibt gleich? Das regelt der Markt.
Auch mit einem Realschulabschluss nachher von seinem Gehalte leben können? Dann geh halt studieren!
Inmitten all dem fallen Bomben, bekriegen sich Menschen unter den lächerlichsten Vorwänden, werden sinnlos Leben gelöscht.
All die „radikalen Ideen“, die „naiven Forderungen“ sind letztendlich nur Ausdruck des Wunsches, dass es allen Menschen gut gehen möge.
Stattdessen sitzt man vorm Fernseher und würde sich am liebsten Augen und Ohren zuhalten und gleichzeitig schreien. Menschen, die die Macht oder das Geld haben, um so viele Probleme zu lösen, vertagen die Entscheidung immer wieder. Warum? Einfach, weil sie’s können, so scheint es.
Und dann wundern sich manche, warum so viele in meiner Generation keinen Kinderwunsch hegen. Mag sein, dass uns dank Globalisierung die ganze Welt offen steht, aber was für eine Welt?

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