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Marginalie: Menschenskinder

Grafik: rz

Über wohl kaum ein Thema gibt es so viele unterschiedliche Ansichten und Fachbücher wie über Erziehung — allenfalls noch über Ernährung. Das macht es für Eltern, werdende Eltern und auch Kinderlose nicht gerade einfacher. Man will ja alles richtig machen und kann doch so viel falsch machen, stets bemüht, „das Beste“ für die Kleinen zu finden. Aber wer weiß schon, was das Beste überhaupt ist?

Sonntag, 22. Mai 2022
Sarah Fleischer
2 Minuten 30 Sekunden Lesedauer

„Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr.“ Diese Weisheit reimt sich zwar, aber ist es wirklich so simpel? Menschen mit lang gehegtem und nie erfülltem Kinderwunsch würden vehement widersprechen. Und dass Eltern sein schwer ist – da sind die zahlreichen Experten, die entweder selbstgewählt keine Kinder haben oder diese nie erziehen mussten, ebenfalls gänzlich anderer Meinung. Immer wieder berichten junge Mütter davon, dass sie von Fremden ungebetene Ratschläge bekämen, wie sie ihr Kind zu behandeln oder zu erziehen hätten.

„Warum schreit es denn so?“ wird dann gefragt, gespielt anteilnehmend mit deutlich vorwurfsvoll-​genervtem Unterton. Tja, das wüsste die Mutter selbst auch gerne, die alles versucht, um ihr brüllendes Baby zu beruhigen und dabei im Kopf alle Optionen durchgeht: Gegessen? Check. Getrunken? Check. Gewickelt? Erst vor zehn Minuten. Liegt es unbequem? Sitzt ein Pups quer? Oder ist es schlicht und ergreifend müde, kann aber nicht schlafen, weil es permanent von Leuten am Bauch gekitzelt und mit „dutzi dutzi du“ beschallt wird?

Ja, Kinder machen einen Haufen Arbeit und kosten noch mehr Geld. Darum sei es jedem und jeder selbst überlassen, ob man das möchte. Noch immer werden Frauen manchmal schief angeguckt, wenn sie sich gegen Kinder entscheiden. „Willst du dich dann auf deine Karriere konzentrieren?“ Scheinbar muss man sich entweder fortpflanzen wie ein Karnickel oder aber arbeiten bis zum Burnout, damit die eigene Existenz überhaupt einen Grund hat. Einfach leben – wo kämen wir da hin?

Bei manchen Menschen ist man ja fast froh, wenn sie sich gegen Nachwuchs entscheiden, bei manchen wünscht man sich, sie hätten es getan. Wie viele Menschen werden sich schon gewünscht haben, Trump oder Putin wären nie geboren worden?
Auch „normale Leute“ haben das Potenzial, solche Wunschgedanken zu hegen. Wenn etwa – wie diese Woche geschehen – Kinder bei Außentemperaturen um die 30 Grad im Auto gelassen werden, am besten auch noch zugedeckt. Da kann man sein Kind vor, während und nach der Geburt mit Mozart beschallen, nur in feinste, handgenähte Designerklamotten stecken und ausschließlich selbstgekochtes Bio-​Essen füttern – solche Unvorsichtigkeiten sind mit nichts zu entschuldigen. Oder schlimmer; Wenn die Kinder vernachlässigt oder gar bis zum Tod misshandelt werden – was treibt diese Menschen um? Das gleiche gilt übrigens für Hunde und andere Haustiere, die für viele ja gewissermaßen ein Kinderersatz beziehungsweise zusätzliches Kind sind.

Das andere Ende vom Spektrum bilden die im Fachjargon sogenannten „Helikopter-​Eltern“. Zur Grundausstattung gehört neben der Tracking-​App auf dem Handy des Kindes natürlich auch der SUV, um den kostbaren Nachwuchs bis direkt vor die Tür der Schule, Turnhalle oder Musikschule zu fahren. Die Ernährung ist selbstverständlich bio, gluten– und laktosefrei, zwei Kilo „zuviel“ auf den Rippen kommen gar nicht erst in die Tüte, also das Eis auch nicht. Mit den Lehrern wird bei den Noten um jede Nachkommastelle gefeilscht, andernfalls mit dem Anwalt gedroht. Sie mögen „das Beste“ für ihre Mini-​Mes wollen, nur ist es das auch?
Womit wir wieder am Anfang wären. Erziehung ist nicht einfach, es gibt kein einheitliches „Rezept“ für ein möglichst glückliches und gesundes Kind. Ständiges vergleichen und verglichen werden untereinander ist Stress pur. Und davon haben Eltern meistens ja auch so schon genug.

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