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Marginalie: Warum „helfen“ nicht immer gut ist

Grafik: RZ

Der Heubacher Bürgermeister ist Fachmann für internationale Zusammenarbeit — insbesondere zwischen Europa und Afrika. Aber das Wort „helfen“ hört er in diesem Zusammenhang überhaupt nicht gerne. Angesichts der Probleme, die viele traditionell als „Entwicklungsländer“ bezeichnete Staaten in Sachen Ökonomie, in der Infrastruktur, bei den Schulen und im Gesundheitswesen haben, mag man sich über diese Einstellung des in Kamerun geborenen Kommunalpolitikers zunächst wundern. Denn wer sich in einer Notsituation befindet, müsste doch dankbar sein für jede Hilfe.

Sonntag, 26. Juni 2022
Benjamin Richter
2 Minuten 13 Sekunden Lesedauer

Ein Vergleich mit anderen Bereichen des Lebens legt diese Einschätzung zumindest nahe. Da wäre zum Beispiel ein Unfallopfer, das keine Überlebenschance hätte, wenn nicht jemand Erste Hilfe leisten würde. Wer würde also in Erwägung ziehen, dass Hilfe nicht vom Grundsatz her eine gute Sache ist?

Und doch gibt es auch im ganz normalen Alltagsleben von Jedermann so manche Situation, in der eine klassische Hilfe eben nicht willkommen ist. „Keine Hilfe ist die beste Hilfe!“ – mit diesem Worten ist schon mancher Ehemann von der Dame seines Herzens der Küche verwiesen worden. Die Ehefrau wusste schließlich aus Erfahrung, dass bei ihrem Gatten alle Aktionen in der Küche unter die Rubrik „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht!“ fallen. Und manche Eltern haben am Abend mit viel Überwindung ihre Begeisterung und Dankbarkeit geheuchelt, nachdem das Kind sie mit dem Anstreichen der Gartenhütte überrascht hatte.

Helfen kann auch eine unerwünschte Einmischung bedeuten – zum Beispiel wenn der Vater dem Sohn „hilft“, weil er dem Kleinen noch nicht zutraut, dass er seinen Flugzeugmodell-​Bausatz, selbst montieren kann. Dass wohlmeinende Worte im Stil von „Lass mich das machen, das kannst du noch nicht“ dem Kind nicht nur den Spaß verderben, sondern dessen Selbstvertrauen untergraben, wird bei dieser Art aufgedrängter Hilfe leider in so vielen Bereichen des Lebens vergessen.

Und damit sind wir schon ziemlich nahe bei der Frage, warum das Wort „Entwicklungshilfe“ heute nicht mehr als passend empfunden wird. Dieser traditionelle Begriff impliziert nämlich automatisch eine „Rangordnung“. Der Helfer ist der Starke, der nicht nur die Mittel hat, sondern auch weiß, wo es langgeht. Dem armen Land in Afrika kommt bei dieser Sichtweise die Rolle des kleinen schwachen Jungen zu, dem man eben noch sagen muss, wo es lang geht. Kein Wunder, dass dieses Handlungsschema den Menschen in einem modernen afrikanischen Land nicht gefällt. Das wäre nämlich die gleiche Rollenverteilung wie in der Kolonialzeit, als die wirtschaftliche Ausbeutung damit einherging, dass von ihrem Glauben beseelte Missionare den Menschen in fremden Ländern die „Zivilisation“ aufzwingen wollten. Religion, Kleidung, Lebensstil und sogar Ackerbau und Viehzucht – alles sollte in der Dritten Welt nach dem Vorbild der Ersten Welt umgestaltet werden.

Dass eine „Entwicklungshilfe“ von oben herab das Selbstbewusstsein dessen, dem geholfen wird, untergräbt, ist die eine Seite. Ein weiterer Aspekt ist die Nachhaltigkeit. Die alte Entwicklungshilfe in Form von Geldzahlungen war häufig nur in jener Hinsicht nachhaltig, dass die armen Länder nachhaltig am Tropf hängen blieben. gehalten hat. Soll heißen: Es wurden keine Strukturen geschaffen, damit es diese Länder aus eigener Kraft schaffen. Das Ganze nun als Partnerschaft zu betrachten, ist daher vom Ansatz her richtig. Obwohl es immer Beziehungen gibt, in denen Partner nicht gleichstark sind. Aber zumindest was die Wertschätzung betrifft, sollten sie gleichrangig sein. Das ist mit Zusammenarbeit auf Augenhöhe gemeint. (meltemi)

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