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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Kretschmann im Ostalbkreis

Grafik: rz

Zu den Aufgaben eines Politikers gehört es, seine Wähler zu besuchen, sich volksnah und interessiert zu zeigen und im Zuge dessen Stimmen zu sammeln. Auch Kretschmanns Besuch in Aspen war Teil einer Kreisreise und damit Teil eines stressigen Zeitplans. Warum mit durchgetakteten Besuchen und ehrfürchtigem Gebahren keine wirkliche Nähe zwischen Wählern und Politkern entstehen kann, damit beschäftigt sich die Marginalie diesen Samstag.

Sonntag, 03. Juli 2022
Sarah Fleischer
2 Minuten 22 Sekunden Lesedauer


Wenn einer eine Reise tut… Politiker reisen ja viel und gerne, meistens zu wahnsinnig wichtigen Konferenzen, Gipfeltreffen oder Wahlveranstaltungen. Dabei gilt die Faustregel: Je wichtiger ein Politiker, desto weiter die jährlich zurückgelegten Strecken und desto mehr mediale Aufmerksamkeit erregen die Reisen. Für wie viel Wirbel eine Nicht-​Reise sorgen kann, zeigte unlängst auch der Fall Olaf Scholz. Und er zeigte, dass es auch auf weltpolitischer Ebene oftmals zugeht wie im Kindergarten – nicht, dass das etwas Neues wäre.

Weltpolitisch wohl weniger bewegend war der Besuch des Ministerpräsidenten im Ostalbkreis am Donnerstag, schließlich ist der Landkreis mit seinen rund 300 000 Einwohnern eher mittelgroß und vorwiegend ländlich geprägt. Mediale Aufmerksamkeit bekam der Besuch trotzdem, sogar der SWR berichtete darüber. Zum einen ging es hier schließlich um zukunftsträchtige Visionen: Wasserstoff, grüner Strom, Brennstoffzellentechnologie – Fast kommt man sich vor wie bei Star Trek.
Zum anderen war es eben ein Besuch nach dem klassischen Schema „Wichtiger Politiker besichtigt Provinz“, die generell meist gute Presse versprechen, zeigt man sich als Mensch der großen Politik doch bei derlei Aktionen als volksnah; bereit, auch Heinz und Gerda aus Hinteroberdorfwaldingen zuzuhören.

Nun ist Kretschmann nicht als abgehobener, realitätsferner Politiker bekannt, eher im Gegenteil. Als bodenständiger Schwabe genießt „The Ländesvater“ breite Zustimmung bei seinen Untertanen, auch wenn ihm gelegentlich vorgeworfen wird, er sei ein grün angemalter CDUler, oder umgekehrt. Ein Interesse für große Projekte wie Aspen im eigenen Land sollte er als Ministerpräsident so oder so mitbringen, zeigt man dieses öffentlich, sind zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Offenheit für die Landbevölkerung plus Offenheit für Neues.

Allerdings sind Reisen zu politischen Zwecken selten vergnügungssteuerpflichtig. Kretschmanns Reise etwa war eine „Kreisbereisung“, soll heißen: Ein Termin jagt den nächsten, die tage sind durchgetaktet. Und das bei dreißig Grad im Schatten. Da eine gute Figur zu machen, ist nicht einfach, zumal Kretschmann auch nicht mehr der Jüngste ist. Für wirklich viele Fragen, Bürgerkontakt und Plausch bleibt da wenig Zeit, beziehungsweise keine.

Politiker sind auch nur Menschen, sollte man annehmen. Sei machen Fehler, sie sind müde, gestresst, genervt, sie werden krank, aber der Terminkalender kennt keine Gnade. Eine gewisse Struktur und Straffheit ist da natürlich hilfreich.
Leider gestalten sich viele dieser Besuche von großen Politikern deshalb nach dem mehr oder weniger gleichen Muster, ob bewusst oder unbewusst. Ankommen, Rede halten, 10 Minuten Fragerunde, Fotos, Abreise, nächster Termin.
Das hinterlässt enttäuschte Bürgerinnen und Bürger, Journalisten, deren Fragen nicht beantwortet wurden, und insgesamt einen hölzernen Eindruck von der politischen Person.

Wer es schafft, mit diesem Bild zu brechen und trotz Zeitplan ein Ohr für die Menschen zu haben, sich ihren Anliegen zu widmen und obendrein noch Fragen beantworten kann (und zwar so, dass sie tatsächlich beantwortet sind, nicht umschifft), der kann von sich und seiner Politik überzeugen. Wie gesagt, Politiker sind auch nur Menschen, keine Götter. Ihre Wähler sollten dementsprechend nicht die Rollen der gutgläubigen Trottel, von Titel und Rang beeindruckt erstarrt einnehmen. Allzu starre Hierarchien verhindern Nähe, verhindern Authentizität.

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