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Marginalie: Am Himmel kreuzen sich die Wege

Bild: RZ

Kaum jemand würde vermuten, dass sich ausgerechnet im Ostalbkreis bedeutende Luftstraßen kreuzen. Aber es ist wahr: Fast alle Maschinen, die auf der Startbahn West des Frankfurter Flughafens in Richtung Mittlerer Osten oder Südostasien starten, passieren im Steigflug die Stadt Aalen in Richtung Südosten. Wer scharfe Augen hat, kann manchmal sogar noch am Leitwerk erkennen, zu welcher Airline die Maschine gehört — allen anderen verrät dies eine App. Etwas südlich von Aalen kommen dann die Flugzeuge vorbei, die in London in Richtung Naher und Mittlerer Osten gestartet sind, Die sind aber meistens so hoch am Himmel, dass sie einen Kondensstreifen hinter sich her ziehen. Über den sommerlichen Flugverkehr sinniert Hans Riedl.

Sonntag, 28. August 2022
Franz Graser
2 Minuten 6 Sekunden Lesedauer

Gerade in den letzten Wochen hat der Luftverkehr wieder stark zugenommen. Und egal, wie lange die Passagiere am Boden auf die Abfertigung warten mussten: Hat die Maschine erst einmal abgehoben, bleibt hoffentlich auch der Ärger am Boden zurück. Und auch den Flugzeugen nachzusehen, weckt das Fernweh und die Sehnsucht. Der französische Chansonnier Gilbert Bécaud hat dieses Gefühl im Lied „Dimanche à Orly“ besungen. In dem Chanson geht es um einen Mann, der seine Sonntagnachmittage auf dem Pariser Flughafen Orly verbringt und dort den Flugzeugen nachschaut, die in alle Welt starten.

Bemerkenswert dabei: Textdichter Bertrand Delanoe und Bécaud als Komponist haben in dem Chanson aus den 60er-​Jahren das Fliegen als Traum von Freiheit und Abenteuer der Hektik des Alltags und der Enge einer Pariser Stadtwohnung gegenübergestellt. Hier die Freiheit in den Lüften, dort die gedrängten vier Wände der Großstadt. Und der Besuch auf dem Flughafen ermöglichte es dem Ich-​Erzähler des Chansons, auf neue Gedanken zu kommen. Fast genauso, wie im Garten zu sitzen und die Maschinen am Himmel zu beobachten.

Heutigen Ohren klingt das fremd. Man muss aber bedenken: Als die Platte herauskam, war Fliegen ja noch das Privileg einiger weniger. Vokabeln wie „Flugscham“kannte damals noch niemand. Und wer auf der Besuchsterrasse des Flughafens einen Aperitif zu sich nahm, hatte eine gute Chance, einen Blick auf die eine oder andere prominente Persönlichkeit zu erhaschen, die eine Maschine bestieg, um damit in die Ferne zu entschweben.

Dieser romantischen Betrachtungsweise kann heute kaum noch jemand folgen. Die chaotischen Zustände in den Abfertigungshallen, von denen die Medien im Sommer berichteten, dürfte Vielen die Lust auf eine Flugreise zunächst einmal vergällt haben. Personalmangel, gestrichene Flüge, zahllose Reisende, die schon zu Beginn ihres Urlaubs mit den Nerven fertig waren. Dazu kommen die nicht wegzudiskutierende Umweltbelastung durch Flugreisen und Massentourismus.

Von den Touristenbombern und der Massenabfertigung neuerer Zeit und auch von den negativen Folgen des Massentourismus ahnte in den 1960er-​Jahren noch niemand etwas. Nicht zuletzt deshalb nennt Chansonnier Bécaud die Boeings die „Vögel der Nacht“, die er bald wieder besuchen kommen will.

Im Jahr 2010 herrschte übrigens für ein paar Tage lang gespenstische Ruhe am Himmel. Nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull lag praktisch der gesamte europäische Flugverkehr lahm, da man befürchtete, die Vulkanasche könnte die Flugzeugtriebwerke beschädigen. Sogar in den Einflugschneisen großer Flughäfen waren in dieser Zeit die echten Vögel zu hören. (Hans Riedl)

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