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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalien: Ein ganz persönlicher Blick auf die Winnetou-​Filme

Symbol-​Foto: gbr

Für so manchen völlig überraschend, stehen die Winnetou-​Filme aus den 60er-​Jahren nun im Fokus der öffentlichen Diskussion. Von „rassistisch“ ist die Rede und manche öffentlich-​rechtlichen Sender kündigten schon an, dass sie diese Filme künftig nicht mehr zeigen wollen; in der politisch-​korrekten Sprache taucht der neue Begriff „I-​Wort“ auf. Und was hat es eigentlich mit der kritisierten „Aneignung fremden Kulturguts“ auf sich? Die Marginalien der Rems-​Zeitung, die Sie hier kostenlos in vollem Umfang lesen können, beleuchten das Thema aus der Perspektive eines Gmünders und dessen persönlichen Erfahrungen mit den Winnetou-​Filmen.

Sonntag, 11. September 2022
Gerold Bauer
2 Minuten 50 Sekunden Lesedauer

Die Tabu-​Keule

Man schrieb das Jahr 1969, als ein kleiner Junge in der damals noch selbstständigen Gemeinde Lindach stolz wie Oskar vor der Haustür posierte. Mit Kreativität und handwerklichem Geschick hatte seine Mutter aus Kartoffelsäcken ein Faschingskostüm genäht und mit roten Fransen dekoriert. Das ebenfalls selbst genähte Stirnband hielt eine gefärbte Hühnerfeder. Es war damals gerade Faschingszeit. Erst später sollte er so richtig begreifen, in welche Rolle er damals schlüpfte. Die wenigen vom Vater gemachten Fotos — noch in Schwarzweiß — kleben bis heute im sorgsam gehüteten Familienalbum.

Ein paar Jahre danach durfte er mit dem vier Jahre älteren Nachbarsbuben in die Nachmittagsvorstellung des zweiten Teils der Winnetou-​Trilogie; jener Film , in dem der spätere Star Terence Hill noch als Mario Girotti im Vorspann aufgelistet wurde. Der Kino-​Besuch hinterließ einen nachhaltigen Eindruck. Zieht man alles ab, was in der Rubrik „Kitsch“ firmiert, blieb neben Martin Böttchers Ohrwurm-​Melodie eine wichtige Botschaft hängen: Menschen sollen sich gegenseitig – unabhängig von ihrer Hautfarbe und von ihrer Kultur – respektieren und in Frieden miteinander leben, statt sich aus Habgier oder blindem Hass zu bekämpfen oder gar zu töten.
An dieser Kernaussage ist bis heute nichts Falsches, entspricht sie doch genau dem, was das Grundgesetz in Sachen Akzeptanz und Toleranz von jedem Bürger, jeder Firma und jeder öffentlichen Institution einfordert. Das Duo Winnetou und Old Schatterhand führten dem Kino– und später dem Fernsehpublikum ein Miteinander von Menschen vor Augen, die im anderen den Bruder sehen anstatt die unterschiedliche Herkunft zu fokussieren.

Jahrzehnte später erfahren wir nun, dass diese Filme rassistisch sein sollen und dass es sich dabei um eine unrechtmäßige Aneignung fremden Kulturguts handelt. Jetzt denkt sich der kleine „I…“ (dieses Wort soll man ja nicht mehr verwenden) von einst, dass er offenbar in den letzten 50 Jahren komplett neben der Spur war. Er dachte bis zum Beginn dieser aktuellen Winnetou-​Diskussion nämlich, dass eine „bunte“ Welt (man könnte vielleicht auch Multi-​Kulti sagen) eigentlich etwas sehr erstrebenswertes ist. Indem jemand sich mit einer zunächst fremden Kultur beschäftigt und dabei erkennt, dass man in diesem andern Kulturkreis manches besser macht, überwindet er seine durch Herkunft und Erziehung vorgegebene Wertewelt. Wir lernen durch die Offenheit für das Andere nicht nur Toleranz, sondern auch den Respekt vor einer anderen Kultur. Sich von der Art, wie Menschen in anderen Teilen der Welt leben und die Dinge betrachten, etwas zu eigen zu machen, ist doch nichts anderes als ein Zeichen der Anerkennung. Die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents hatten im Hinblick auf den Umgang mit der Natur der modernen „Zivilisation“ so einiges voraus. Sie kannten das Wort „Nachhaltigkeit“ zwar nicht, aber sie lebten nachhaltig. Daran sollte sich die moderne Welt in Zeiten der Klimaveränderung viel öfter erinnern.

Wir alle machen uns seit Generationen Elemente anderer Kulturen zu eigen. In Gmünd gibt es zum Beispiel immer wieder Jazz-​Konzerte und im Ostalkreis gibt es Gospel-​Chöre. Wenn man es streng nimmt, dann ist es doch die „Aneignung einer fremden Kultur“, wenn ein „Weißer“ diese Musik spielt. Gehen wir weiter zur Mode. Es gibt den Begriff „Ethno-​Look“ – und mancher schützt sich im Winter vor der Kälte durch eine Wollmütze im Stil der Ureinwohner von Lappland oder trägt einen Norweger-​Pulli. Und im Sport: Wir befassen uns mit asiatischen Kampfsportarten und finden beim Yoga Entspannung.

Macht es wirklich Sinn, jetzt schuldbewusst und tief geknickt zu reagieren, nur weil einige selbsternannte Sittenwächter die Tabu-​Keule schwingen? (pilatus)

Diese Marginalien sowie viele weitere interessante Artikel finden Sie in der RZ-​Ausgabe vom 10. September. Falls Sie keine gedruckte Zeitung zur Hand haben: Die RZ gibt es auch digital und online im ikiosk!

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