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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Verlierspiel

Grafik: rz

Und schon wieder herrscht Krieg in einem weiteren Teil der Erde. Schwäbisch Gmünd zeigte Flagge — und hisste ein israelisches Exemplar vor dem Rathaus. Die hing allerdings nicht lange, bevor sie Opfer von Vandalismus wurde. Was das über den gesamten Konflikt aussagt und was „Flagge zeigen“ auch bedeuten kann, damit beschäftigt sich die Marginalie an diesem Samstag.

Sonntag, 15. Oktober 2023
Sarah Fleischer
2 Minuten 25 Sekunden Lesedauer

„Flagge zeigen“ sagt man und meint damit, ein klares Bekenntnis abzugeben, zu jemandem oder etwas zu stehen, offen die eigene Meinung zu teilen. Ursprünglich kommt die Redewendung – wie sollte es anders sein – aus der Seefahrt. Denn mit einer klar sichtbaren Flagge zeigt ein Schiff an, für welche Reederei oder Nation es fährt.
Spricht heutzutage jemand davon, dass es Zeit sei, „Flagge zu zeigen“, dann geschieht das meist nicht im Seefahrer-​Kontext, sondern auf der politischen Bühne. „Wir zeigen Flagge gegen Rechts“, „Stadt XY zeigt Flagge für mehr Vielfalt“ (am besten auf einem regenbogenfarbigen Hintergrund), „Wir müssen Flagge zeigen und für mehr Nachhaltigkeit einstehen.“ Auf Demos werden Fahnen, Flaggen und Wimpel geschwenkt, man zeigt wortwörtlich eine Flagge.
Im Flagge zeigen ist Schwäbisch Gmünd überhaupt ziemlich gut. Vor über einem Jahr wurde die ukrainische Flagge vor dem Rathaus gehisst, direkt neben der Stadtflagge. Da hängt sie immer noch, im Gegensatz zu ihrer israelischen Kollegin. Die war am Dienstag aufgehängt worden – und am Donnerstag schon Opfer von Vandalismus. Deswegen hängt sie nun nicht mehr da.
Das verdeutlicht einmal mehr die Explosivität dieses gesamten verdammten Konflikts. Die Ukraine-​Flagge hat all die Monate unbeschadet überstanden; ja sogar die Regenbogenflagge, die in Gmünd das ganze Jahr über weht und die laut den Kommentaren in sozialen Medien Konservative mit empfindlichen Mägen und Egos auf der ganzen Welt „zum Kotzen“ bringt – nicht einmal sie wurde je Opfer von Hass-​Attacken.
Dass Oberbürgermeister Richard Arnold seine Solidarität mit Israel betonte und diese auch von der gesamten Stadt einforderte, war richtig und auch zu erwarten – trotz seiner in letzter Zeit fast palmer–
esque anmutenden Art, immer das zu tun, was niemand tut und dazu plakative bis populistische Aussagen zu treffen.
Denn wer am vergangenen Wochenende wen angegriffen hat, ist klar. Israel trauert um mehr als 1000 Tote, zum allergrößten Teil Zivilistinnen und Zivilisten – Angriffe auf sie sind laut den „Regeln des Krieges“ verboten. Kurze, rhetorisch angehauchte Zwischenfrage: Wurde sich jemals in irgendeinem Krieg an diese Regeln gehalten? Zivilbevölkerung niederzumetzeln ist übrigens genau so verboten, wie die Zivilbevölkerung der anderen Seite aus Rache von Wasser, Nahrung, Strom und medizinischer Versorgung abzuschneiden. In diesem Krieg und in diesem ganzen, jahrzehntelangen Konflikt kann man Israels Regierung beziehungsweise der demokratisch nicht legitimierten Hamas reichlich vorwerfen. Beide Seiten haben aber auch gute Gründe für ihre Haltung und ihr Handeln. Und auf beiden beiden Seiten leidet die Zivilbevölkerung.
Bevor Israel nun zum Rundum-​Rückschlag ausholt, warnte man die Bevölkerung des Gaza-​Streifens vor: Sie sollen ihre Heimat verlassen, wenn sie nicht Opfer der militärischen Operation werden wollen. 1,1 Millionen Menschen sind davon betroffen – die müssen alle irgendwo hin. Dass das nicht ohne eine humanitäre Katastrophe machbar ist, betonen auch die Vereinten Nationen. Als ob die ganze Situation nicht schon schlimm genug wäre.
Nun ist es zwar unwahrscheinlich, dass all diese flüchtenden Menschen direkt den Ostalbkreis oder gar Schwäbisch Gmünd anstreben – ganz auszuschließen, dass ein paar Schutzsuchende hier landen, ist es aber nicht. Dann wäre es wiederum an der Zeit, Flagge zu zeigen. Zu sagen: Machtwort und CDU-​Rechtsruck hin oder her – wir sind für die da, die hilflos zu uns kommen. Weil es im Krieg immer nur Verlierer gibt.

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