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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Regentröpfchen Nasssöckchen

Symbol-​Bild: picture alliance /​Frank May | Frank May

Bald ist Weihnachten. Der Weihnachtsmarkt samt Musik ist aufgebaut und in vollem Gange, doch nicht nur das Wetter ist eher grau und trist statt weihnachtlich. Das allgemeine Weltgeschehen scheint mehr als trostlos, da fällt es schwer, so richtig in Weihnachtsstimmung zu kommen. Auch die Autorin der Marginalie am Samstag vermisst das nostalgische Weihnachtsgefühl aus der Kindheit. Was also tun?

Sonntag, 26. November 2023
Sarah Fleischer
2 Minuten 25 Sekunden Lesedauer

Noch 30 Tage, dann ist Weihnachten. Dieser Satz, der einen als Kind in vorweihnachtliche Ekstase versetzt hätte, lässt einen nun seltsam emotionslos zurück. Zwar hat sich der Gmünder Marktplatz wieder in ein winterliches Weihnachtswunderland verwandelt, es duftet nach gebrannten Mandeln, Glühwein und heißen Maroni. In den Geschäften wird man mit weihnachtliche Klängen von „Jingle Bell Rock“ über Intonationen von „Ihr Kinderlein kommet“ bis hin zum gleichsam meist gehassten und geliebten Weihnachtslied aller Zeiten, „Last Christmas“ beschallt. Über die Lebkuchen, die seit August in den Regalen stehen, diskutieren wir jetzt nicht nochmal.
Und doch, die typische Weihnachtsstimmung will sich nicht einstellen. Dieses warme Gefühl von früher, als man an dunklen Adventsnachmittagen mit seiner Familie auf dem Sofa saß, fröhlich Plätzchen futterte, während draußen der Schnee fiel und drinnen im Fernsehen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ lief. Die Vorfreude an jedem neuen Morgen, ein Türchen am Adventskalender öffnen zu dürfen, selbst wenn es nur eines der bunten Exemplare aus Pappe war, die man in den Supermärkten für zwei Euro hinterhergeschmissen bekam. Und das aufgeregte Kribbeln im Bauch, wenn man am 23. Dezember abends ins Bett ging – bald, morgen, in eine paar Stunden ist Weihnachten.
Weg. Statt Schneeflöckchen Weißröckchen bietet das Wetter Regentröpfchen Nasssöckchen. Jeder hustet, schnieft und einen selbst hat es auch erwischt. Der Gmünder Wunschbaum trägt so viele Wünsche wie noch nie, weil immer mehr Menschen sich immer weniger leisten können. In allen Teilen der Welt sterben Menschen, weil andere Menschen rücksichtslos, egoistisch und hasserfüllt sind. Immernoch oder schon wieder?
Der Herbstblues ist nahtlos in eine astreine Winterdepression übergegangen und hey, warum eine Pause machen? Im April benennen wir das ganze um in Frühjahrsmüdigkeit und bleiben mit zugezogenen Vorhängen im Bett liegen. Denn dass mit dem Jahreswechsel auf einmal alles besser wird, wäre zu schön um wahr zu sein. Die Hoffnung, dass zu den Glockenschlägen um Mitternacht der heilige Sankt Silvester mit den Fingern schnippst und alles wieder gut macht, die ist mit den Jahren immer kleiner geworden und dann jämmerlich verkümmert.
Und dann die Frage, was man sich zu Weihnachten wünscht. Frieden auf Erden, will man am liebsten antworten. Kein Hunger, kein Leid und ein Einsehen bei allen Verantwortlichen, dass man langsam mal etwas gegen Ausbeutung, Klimawandel und Rassismus tun müsste – dringend.
Ob man in Reminiszenz an früher einen Wunschzettel mit diesen Wünschen schreiben sollte? „Wann lernen’s die Gören endlich – nur Dinge, die man einpacken kann!“ endet ein populärer Weihnachtswitz. Also kein Wunschzettel. Stattdessen wühlt man verzweifelt im Innersten, ob da nicht doch irgendwo ein Funke Hoffnung, ein Restchen unschuldige Vorfreude übrig ist.
Es ist schwer, positiv gestimmt zu bleiben, wenn gefühlt alles mehr oder weniger den Bach hinuntergeht. Manchmal ist da das einzige, was hilft, Realitätsflucht, wenigstens für ein paar Stunden. Sich auf dem Weihnachtsmarkt die große Zuckerwatte gönnen. Zeit mit lieben Menschen verbringen (sofern nicht alle erkältet sind). Sich aufs Sofa kuscheln mit Tee und Plätzchenteller in Reichweite. Dabei keine Nachrichten schauen oder durch soziale Medien scrollen, sondern ein Buch lesen oder einen Wohlfühl-​Film schauen.
P.S.: Der erste Sendetermin von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ist dieses Jahr am 3. Dezember um 15 Uhr in der ARD. Gern geschehen.

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