Marginalie: Gut gebrüllt, Löwen!

Ostalb

Foto: Petra Dirscherl/Pixelio.de

Um Raubkatzen geht es in der aktuellen Kolumne unseres Autors Robert Mirko nur am Rande. Im Mittelpunkt steht dagegen der Musikgeschmack der Bewohnerinnen und Bewohner der belgischen Universitäts– und Bierstadt Löwen (flämisch Leuven). Denn die hören wohl am liebsten die gleiche Musik wie unser Autor – wenn man die Daten eines beliebten Streaming-​Dienstes zugrunde legt.

Sonntag, 03. Dezember 2023
Franz Graser
141 Sekunden Lesedauer

Kennen Sie Löwen? Nein, nicht die majestätischen Großkatzen mit der flauschigen Mähne, sondern die Stadt in Belgien. Knapp doppelt so groß wie Gmünd, bekannt unter anderem als Sitz des natürlichen Feindbilds aller schwäbischen Brauereien, des Bier-​Imperiums Anheuser-​Busch InBev. Und offenbar auch als Wohnort überdurchschnittlich vieler Fans der Popmusik-​Gruppen a-​ha und Twenty One Pilots — zumindest, wenn man der Streaming-​Plattform Spotify Glauben schenkt.

So zuverlässig, wie das Christkind zu Heiligabend die Geschenke unter den Baum legt, schnürt das schwedische Unternehmen alljährlich in der letzten Novemberwoche ein virtuelles Päckchen mit den jeweils meistgehörten Inhalten für jeden seiner mehr als 550 Millionen Nutzer weltweit: den Spotify-​Jahresrückblick. Diese Woche war’s wieder so weit, und auch der Kolumnist freute sich wie ein Schneekönig, als er die Zusammenschau aus 19 quietschbunten Grafiken auf seinem Startbildschirm fand. Schließlich erfährt man darin so faszinierende Dinge wie die eigenen Lieblingsgenres (Pop, Trap Latino, Pop Dance), die Nutzungsdauer in den zurückliegenden zwölf Monaten (5517 Minuten — Mensch, fast vier Tage!) und eben die Stadt, in der die Menschen wohnen, die den gleichen Musikgeschmack haben wie man selbst.
Welchen Musikgeschmack man dagegen haben müsste, um in die Stadt zu passen, in der man tatsächlich lebt, dazu erteilt Spotify keine Auskunft. Man kann nur mutmaßen — es gibt aber Anhaltspunkte. Wer schon einmal in der vom Berliner Duo SDP besungenen „Nacht von Freitag auf Montag“ im Freudental unterwegs war, wird es zum Beispiel für möglich halten, dass der Spotify-​Bilderbuch-​Gmünder auf Schlager und Ballermann abfährt. Naheliegend erscheint es zudem, dass er Musik von Bands aus seiner Region streamt.
Diese Theorie strafen allerdings die in der App einsehbaren monatlichen Hörerzahlen von Interpreten wie dem Solokünstler Adrian Hirt (291) aus Lorch sowie den Gmünder Rockformationen Mutwillig (59) und Ron Rocken (29) ein Stück weit Lügen. Denn während diese Musiker unbestritten jeweils eine zahlreiche Fangemeinde haben, wie die „Musik in Gmünder Kneipen“ und andere Events beweisen, lassen sich augenscheinlich nur wenige dieser Fans die Werke der Gruppen von Spotify wiedergeben.
Die Künstler werden es verschmerzen — können sie sich doch mit dem Gedanken trösten, dass selbst eine Verhundertfachung ihrer Klickzahlen ihnen wohl nur einige Cent mehr im Monat brächte. Zu Recht steht das Abrechnungsmodell von Spotify nach wie vor in der Kritik: Dadurch, dass der Streamingdienst etwa 30 Prozent der Einnahmen, im Wesentlichen der Abo-​Gebühren, selbst behält und auch die Musikverlage für ihre Arbeit ein Stück vom Kuchen haben wollen, kommt bei den Musikern kaum etwas an. Deren Anteil hängt außerdem nicht nur von der Zahl der Aufrufe ab, sondern zum Teil auch von undurchsichtigen Programmabläufen komplexer Algorithmen, die auswählen, welchem Nutzer welche Inhalte vorgeschlagen werden. Die Rechnung geht jedoch auch am oberen Ende nicht auf: Spotify schreibt notorisch rote Zahlen, zuletzt in dreistelliger Millionenhöhe.
Zugutehalten kann man dem Quasi-​Monopolisten immerhin, dass er die individuellen Jahresrückblicke schon Ende November ausspuckt. Sicher geschieht das auch mit einem schielenden Auge aufs Weihnachtsgeschäft. Aber empfingen wir die Zusammenfassungen erst am 31. Dezember, bliebe als einzige zu klärende Frage — Hand aufs Herz — Mariah Carey oder Wham!, und wir müssten alle nach Savukoski in Lappland ziehen. Denn dort wohnt bekanntlich der Weihnachtsmann.