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Marginalie: Guten Rutsch ins Kafka-​Jahr!

Foto: picture alliance /​Pacific Press | Aziz Karimov

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hatte, wachte er eines Morgens im Jahr 2024 auf. Wer vom Lesen von Kafka-​Prosa Ausschlag bekommt oder sich in einen Käfer verwandelt, sollte hier lieber nicht weiterlesen — alle anderen erhaschen in der aktuellen Marginalie der Rems-​Zeitung einen Ausblick auf das neue Jahr und seine Möglichkeiten.

Sonntag, 31. Dezember 2023
Benjamin Richter
2 Minuten 29 Sekunden Lesedauer

Niemand brachte Josef K. das Frühstück, stattdessen zeigte ein mitten im Raum stehender Röhrenfernseher flimmernd das Halbfinalspiel Deutschland gegen Schweden bei der Handball-​EM in Köln. K. schaute ein Weilchen zu, zog bei einem Treffer des Gmünders Kai Häfner leicht die Augenbrauen hoch, dann aber, befremdet und hungrig, läutete er.

Sofort klopfte es und drei Männer traten ein: Sportmoderator Norbert Lehmann, Fußballweltmeister Benedikt Höwedes und der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez gratulierten sich gegenseitig zum 16., neunten und 13. Geburtstag. K. saß gleich halb aufrecht im Bett und bemerkte, dass der Stundenzeiger der Pendelstanduhr rotierte wie eine Flugzeugturbine.

In dem Eindruck, die Zeit sei aus den Fugen geraten, bestätigte ihn die „Tagesschau“, die verkündete, Alexei Navalny habe die Präsidentschaftswahl in Russland gewonnen. Ein kleines Gelächter im Nebenzimmer folgte, es war nach dem Klang nicht sicher, ob nicht mehrere Personen daran beteiligt waren.

„Es ist unmöglich“, tat Höwedes seine Meinung kund, wurde jedoch vom Jubel des Publikums über den Sieg des deutschen Beitrags beim Eurovision Song Contest in Malmö übertönt, der nun aus dem Fernsehgerät drang. Ein Rapper mit einer Pandamaske stemmte die Glasmikrofon-​Trophäe in den Nachthimmel. Irritiert darüber, dass er immer noch kein Frühstück bekommen hatte, sprang K. aus dem Bett, zog seine Hosen an und trat ins Nebenzimmer ein.

Obwohl hier auf den ersten Blick alles fast genauso aussah wie am Vorabend, musste Josef K. bald feststellen, dass das Zimmer zu einem Wahllokal umfunktioniert worden war. Immer mehr Menschen strömten herein, um ihre Kreuze bei Europa– und Kommunalwahlen zu setzen.

Am Fenster lehnte ein blonder Jüngling und las Kafkas „Prozess“. K. wollte von ihm wissen, ob er denn nun auch wählen solle. „Nein“, sagte der Mann, in dem K. nun Chris Führich erkannte, und warf das Buch auf ein Tischchen. „Sie dürfen nicht wählen, Sie sind ja verhaftet.“

Bevor K. jedoch Paragraf 12 des Bundeswahlgesetzes zitieren konnte, war aus dem Wahllokal die VIP-​Lounge des Dortmunder Fußballtempels geworden, und der sich immer noch nach Kaffee und Honigbrot Sehnende blickte durch die Glasfront hinunter auf Führich, der im Halbfinalspiel Deutschland gegen Frankreich bei der Fußball-​EM gerade den Führungstreffer erzielte. „Es ist unmöglich“, ließ sich Höwedes aus dem Hintergrund vernehmen.

K. wollte sich setzen, aber nun sah er, dass in der ganzen Lounge keine Sitzgelegenheit war, außer einem Rennrad am Marienbrunnen. Am Marienbrunnen? Stirnrunzelnd nahm der Zeitreisende zur Kenntnis, dass er sich schon nicht mehr im Ruhrpott, sondern mitten auf dem Gmünder Marktplatz befand, wo just in diesem Augenblick die zweite Etappe der Deutschland-​Tour zu Ende ging. „Ja, brat’ mir doch einer ‘nen Storch“, grummelte K., setzte sich in seinen Skoda und erreichte gerade noch innerhalb der Frühstückszeit das Fastfood-​Dorado in der Lorcher Straße.

Das kommt Ihnen alles ziemlich spanisch vor? Ist aber böhmisch. Neben vielen weiteren Ereignissen, die für das neue Jahr ihre Schatten vorauswerfen und von denen einige mit einem Augenzwinkern hier eingestreut worden sind, jährt sich 2024 der Tod des großen Schriftstellers Franz Kafka zum 100. Mal. Dass Sie die kommenden 366 Tage nicht gar auf so verschlungene Pfade führen wie die Hauptfigur seines Romans „Der Prozess“, das wünscht Ihnen der Kolumnist von Herzen. (Robert Mirko)

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