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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Großprojekt „Grüne Urbanität“: Bäume in der Frischluftschneise?

Grafik: RZ

Gmünd ist grün. Ein Spaziergang am Ufer des Josefsbachs, durch den Spitalhof oder über den Sebaldplatz, in den großen und kleinen Oasen der Innenstadt, genügt, um das zu erkennen. Aber ist Gmünd grün genug? Nein, lautete diese Woche im Klima– und Bauausschuss des Gemeinderats die einhellige Meinung. Warum beim Projekt „Grüne Urbanität“ bei allem Enthusiasmus auch Augenmaß gefragt ist.

Sonntag, 05. Februar 2023
Benjamin Richter
2 Minuten 5 Sekunden Lesedauer

Woraus besteht das Konzept, das der Stadt da von einem Kirchheimer Landschaftsarchitekt mit dem Etikett „Grüne Urbanität“ verkauft wird? Nun, eine Empfehlung von Jochen Köber offenbart sich auf den ersten Blick und zieht sich dann wie ein roter, Pardon, grüner Faden durch seine Präsentation: Bäume, Bäume und noch mehr Bäume sollen die Gmünder pflanzen.
Von der Katharinenstraße, die „perspektivisch Teil einer grünen Achse von der Weststadt über die Bocksgasse bis zum Johannisplatz“ werden könnte, über ein „baubotanisches Projekt“ am nördlichen Ende des Marktplatzes bis zur Paradies-​, der Schiller– und vor allem der Aalener Straße, in der dem bislang dominanten Baustoff Beton ein „grünes Volumen gegenübergestellt“ werden soll.
Ein Stück weiter die Rems hinunter, an der Lorcher Straße, schlägt Jochen Köber vor, die vereinzelten Bäumchen zu einer zusammenhängenden Allee auszubauen, um den westlichen Stadteingang zu betonen. In der Bocksgasse, erlaubt sich der Berater ein lenkendes Wort zum zeitlichen Ablauf, seien erste Baumpflanzungen noch in diesem Jahr ratsam. Da ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass auch laut der Beschlussvorlage für die Gmünder Gemeinderatssitzung nächste Woche erste dauerhafte Baumquartiere sowie ein Pilot-​Projekt für Fassadenbegrünung bereits für 2023 angestrebt werden.
Beinahe prätentiös wirkt es, wenn in der Vorlage fürs Stadtparlament auf die 17 SDGs, die 2015 beschlossenen UN-​Nachhaltigkeitsziele Bezug genommen wird. Dabei werden 100 oder 200 Bäume mehr oder weniger im Gmünder Stadtkern keinen nennenswerten Beitrag zur Begrenzung der Erderwärmung leisten – auch wenn es natürlich stimmt, dass man einmal irgendwo anfangen muss, wenn man irgendwann mit allem fertig sein will.
In der Hauptsache, und darüber sind sich bei der „grünen Urbanität“ auch alle Beteiligten im Klaren, geht es um die Steigerung der Aufenthaltsqualität und als deren hoffentlich direkte Konsequenz die Steigerung der Besucher– und Kundenzahlen in der Altstadt und ihrem Einzelhandel sowie der Gastronomie. Gerade an heißen Sommertagen präsentierte sich der Marktplatz in den vergangenen Jahren häufig wie eine flimmernde und lebensfeindliche Wüste, jedenfalls wurde er genauso gemieden.
Unter dem Blätterdach einzelner Bäume oder auch kleiner Baumgruppen sollen die in Gmünd Weilenden bald Schatten und Abkühlung finden. Der Effekt ist auch von der Wissenschaft belegt: In ihrer unmittelbaren Umgebung, haben Forscher der TU München nachgemessen, verringern Bäume die Temperatur um ein bis acht Grad.
Allerdings können Stadtbäume auch negative Auswirkungen haben, wie in der betreffenden Studie gewarnt wird: Gerade in engen Straßenschluchten können die großen Gewächse „die vertikale und horizontale Durchmischung der Luft verhindern“. Die Folge: Schadstoffe bleiben länger in der Luft, und auch die Wirkung der Straßen als erfrischende Windkanäle im Sommer schwächt sich ab.
Zwar hat Fachmann Köber bereits eingeräumt, dass sich etwa für die enge Bocksgasse nur schmale Bäume für Kreuzungsbereiche mit anderen Gassen eignen. Bei der Verwirklichung der „grünen Urbanität“ ist und bleibt jedoch genaues Augenmaß gefragt. (Robert Mirko)

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Hinweis: Dieser Artikel wurde vor 384 Tagen veröffentlicht.


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