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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Eine Lanze für die Chöre

Dass die Stadt Schwäbisch Gmünd das Jahr 2023 zum „Jahr der Chöre“ erklärt hat, ist ein Alarmzeichen. Denn ähnlich wie Naturschutzverbände das Braunkehlchen zum Vogel des Jahres oder die Moorbirke zum Baum des Jahres erklären, um auf gefährdete Arten hinzuweisen, muss das Jahr der Chöre als Anlass dienen, um zu konstatieren: Chöre sind eine bedrohte Spezies. Aber woran liegt das?

Sonntag, 23. April 2023
Franz Graser
2 Minuten 15 Sekunden Lesedauer

Sicher hat die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft damit zu tun. Es ist nicht mehr so selbstverständlich, etwas in Gemeinschaft zu unternehmen. Darüber hinaus mag es auch Menschen geben, die das musikalische Programm mancher Liedertafel als altbacken empfinden.

Das trifft sogar einige der Chöre, die sich der modernen Popmusik verschrieben haben. Dies liegt in der Natur der Dinge: Manche Poptitel haben bereits eine gewisse Patina angesetzt, bis eine vernünftige Chorbearbeitung verfügbar ist. Und leider geben einige Songs, wenn sie a cappella und ohne Lasershow und digitale Effekte dargeboten werden, vor allem ihre kompositorische Dürftigkeit preis.

Am wenigsten Nachwuchssorgen scheinen noch die Chöre zu haben, die für eine anspruchsvolle Ausrichtung bekannt sind. Dort singen zu dürfen, gilt vielen als Auszeichnung, und die Aktiven nehmen für die Proben durchaus längere Anfahrtswege auf sich.

Aber auch dort knarzt es in manchen Stimmregistern, vor allem der Mangel an Männerstimmen macht sich bemerkbar. Gerade Tenöre gelten als Rarität. Wie begehrt sie im Chorgesang sind, mag man daran ersehen, dass manche Singkreise für die weiblichen Stimmregister einen Quasi-​Aufnahmestopp verhängt haben sollen – es sei denn, eine Kandidatin wäre in der Lage, einen Tenor herbeizuschaffen.

Diese Bedeutung stieg dem einen oder anderen Chor-​Tenor gern auch mal zu Kopfe. So soll sich in einer Stadt auf der Ostalb folgende Geschichte zugetragen haben: Ein Mann, der als Chorsänger bekannt war, wurde eines Abends in einer Kneipe angetroffen. Die anderen Gäste sagten ihm, dass „sein“ Chor gerade zu dieser Stunde die wöchentliche Probe abhielt. Der Mann nickte, ließ sich sein Bier aber weiter schmecken. Nun war ebenfalls bekannt, dass der Dirigent dieses Chores, eine echte Kapazität seines Faches, sehr ungnädig reagierte, wenn Sängerinnen und Sänger eine Probe ohne wichtigen Grund versäumten. Man sprach ihn darauf an. Der Mann lachte. „Na und?“, fragte er. „Was kann schon passieren? Ich bin doch Tenor!“ Derlei Allüren kommen heute natürlich nicht mehr gut an. Aber wenn ein Tenor einem Chor beitritt, kann er sich ziemlich sicher sein, dass er – fast immer – auf Händen getragen wird. Na ja, beinahe.

Auch wenn Gmünd durch eine reiche Chorlandschaft glänzen kann: Im Umland sieht es zum Teil deutlich weniger gut aus. Einige Gesangvereine treten nicht mehr auf und treffen sich nur noch einmal im Monat zum offenen Liedersingen. Und auch bei manchem sogenannten jungen Chor überwiegt das gepflegte Mittelalter.
Dabei ist jetzt nach der Pandemie ein guter Zeitpunkt, um neu oder wieder in einen Chor einzusteigen.

Denn es gibt kaum eine einfachere Möglichkeit, gemeinsam Kultur zu gestalten. Dazu kommt, dass keine teuren Instrumente notwendig sind: Alles was nötig ist, haben Frau und Mann immer dabei. Und auch der therapeutische Wert des gemeinsamen Singens kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

In diesem Sinne: Das „Festival der modernen Chöre“ war eine gute Gelegenheit, sich von zeitgenössischer Chormusik verzaubern zu lassen. Ganz nach dem Motto: Zuhören, sich begeistern lassen — und dann vielleicht selbst mitmachen. (Hans Riedl)

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