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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Stadt Gold und Silber künftig lieber den Euro als Kryptowährung?

Grafik: rz

Manche Menschen favorisieren zwar immer noch den alten Spruch „Nur Bares ist Wahres“ — doch die Welt hat sich seit jener Zeit, als man elektronischen Zahlungssystemen sehr misstrauisch gegenüber stand, kräftig weiter gedreht. Bunkern die Gmünderinnen und Gmünder vielleicht schon bald ihre Euros in Form von „Kryptowährung“? Die „Marginalien“ in der Rems-​Zeitung befassen sich mit dem Thema.

Sonntag, 09. Juli 2023
Gerold Bauer
2 Minuten 29 Sekunden Lesedauer

Neuer Euro als
Bankenschreck?

„Es war ein König in Thule gar treu bis an das Grab, dem sterbend seine Buhle einen digitalen Euro gab.“ So ähnlich soll es vor mehr als 200 Jahren schon Goethe im „Faust“ prophezeit haben. Spaß beiseite, die Rede ist in dem Literaturklassiker natürlich von einem goldenen Becher. Aus dem soll der Monarch der Mytheninsel, deren Entfernung von Gmünd nicht überliefert ist, vom Tod seiner Geliebten bis zu seinem eigenen jeden Trunk verzehrt haben, um ihre Erinnerung wachzuhalten.
Hätte er ihn damals gehabt, der König in Thule hätte das Andenken mit dem digitalen Euro wohl noch häufiger würdigen können. Denn greift ein Staatsoberhaupt nicht öfter zur Brieftasche als zum Weinkelch? Nun, hätte, hätte, Blockkette – noch hat den digitalen Euro niemand gehabt, denn der Gesetzentwurf zu dessen Einführung ist diese Woche erst von der EU-​Kommission vorgestellt worden. Endgültig will sie im Herbst entscheiden; frühestens 2026 könnten dann die ersten virtuellen Euromünzen in Umlauf kommen. Die Reaktionen reichen von Ablehnung aus der Kryptoszene – die allerdings immer aufbrandet bei der Frage: „Nun sag, wie hältst du’s mit Christine Lagarde?“ – über zaghaften Optimismus unter Politikern, die den Euro im Wettbewerb mit Dollar und bereits digitalisiertem chinesischem Yuan sehen, bis zu weit verbreitetem Unverständnis.
Kein Wunder, haben Staat und Leitmedien die Bürger auf der Suche nach Wissen über die Funktionsweise von Kryptowährungen bislang weitgehend alleingelassen. Nun tut man sich umso schwerer damit, den Leuten zu vermitteln, warum die Euroländer in den Wettbewerb mit Bitcoin und Co. treten sollen. Das Wichtigste in Kürze: Kryptowährungen, von denen es momentan mehr als 26 000 gibt, funktionieren ohne Mittelsmänner wie Banken. Das ist der große Unterschied zum bekannten elektronischen Zahlungsverkehr mit Online-​Banking oder Kreditkarte, der oft mit dem digitalen Euro verwechselt wird. Zum Versenden des „Krypto-​Geldes“ ist lediglich eine ellenlange Empfängeradresse aus Buchstaben und Zahlen vonnöten, die aber bequem kopiert und ins Befehlsfeld eingefügt werden kann. Dadurch, dass Transaktionen in Datenblöcke gegossen und auf der Blockkette festgeschrieben werden, wird sichergestellt, dass auch im Kryptoversum jedes „Münzle“ nur einmal ausgegeben werden kann. Risiken bergen bei Kryptowährungen vor allem starke Kursschwankungen, die Anfälligkeit für Hackerangriffe und die noch weitgehend unklare Rechtslage.
Eine Erfolgsgarantie für den digitalen Euro gibt es nicht, und das liegt nicht nur an der Skepsis der Deutschen, von denen laut einer aktuellen Umfrage 75 Prozent eine virtuelle Variante der Gemeinschaftswährung nicht für notwendig halten. Der digitale Euro könnte auf der anderen Seite den Banken und Sparkassen das Wasser – besser gesagt: die Spareinlagen – abgraben, eben weil für Lagerung und Transaktionen dann keine zwischengeschalteten Institutionen mehr nötig wären. Lösen wir also am Ende alle unsere Sparbücher auf und horten einfach digitale Euros auf Handy und Wallet? So weit will es die Europäische Zentralbank (EZB) nicht kommen lassen und kündigt schon heute auf ihrer Webseite an: „Ein digitaler Euro soll in erster Linie als Zahlungsmittel und nicht zur Geldanlage verwendet werden.“ Dennoch mutet es bizarr an, wenn die EZB in Aussicht stellt, dass „Banken und Zahlungsdienstleister den digitalen Euro zu Bürgern und Unternehmen bringen“ sollen. Ebenso gut könnte man sämtliche Friseure anweisen, die dauerhafte Haupthaarentfernung per Laser „zu Bürgern und Unternehmen zu bringen“ – ist doch klar, dass die dann auf einen Flop des Einfalls hoffen, sonst sind sie bald arbeitslos. (Robert Mirko)

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