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Marginalie: Traumjob Bürgermeister?

Grafik: rz

Es gab einen jungen Mann aus einem kleinen Ort im Gmünder Raum, der wusste schon zu Beginn seiner Verwaltungsausbildung im Landratsamt, dass er Bürgermeister werden möchte. Er wurde es und macht diesen Job immer noch – in einem Alter, in dem die meisten Menschen schon ihren Ruhestand genießen. Warum das Schultes-​Dasein für diesen Mann der Traumjob schlechthin war und ist, beleuchtet die aktuelle Marginalie.

Sonntag, 10. September 2023
Benjamin Richter
2 Minuten 21 Sekunden Lesedauer

Auch bei der Amtseinführung eines Gemeindeoberhaupts wird in den Grußworten von Landräten gerne betont, dass die Position eines Bürgermeisters die Königsdisziplin schlechthin sei. Warum eigentlich?
Vor allem deshalb, weil man als Chef einer örtlichen Verwaltung und damit Kraft Amtes als Vorsitzender und Sitzungsleiter des Gemeinderats sehr viele Fäden in der Hand hält. Ein bisschen so wie ein Puppenspieler, der nur am richtigen Schnürchen ziehen muss, damit sich in einer Stadt oder einer Gemeinde etwas bewegt.
Als der Täferroter Schultes Jochen Renner nach zwei Amtsperioden in den Ruhestand trat und sich fortan komplett ins Privatleben zurückzog, hat er allen jungen Leuten, die mit dem Gedanken spielen, Bürgermeister zu werden, via Interview in der Rems-​Zeitung einen wichtigen Rat gegeben. In diesem Amt müsse man nicht nur die Verwaltung beherrschen, sondern mit eigenen Ideen die richtigen Impulse für die kommunale Entwicklung geben.
Es reiche nicht aus, sich darauf zu verlassen, dass kluge Mitglieder des Gemeinderats mit Vorschlägen die Richtung vorgeben. Gestalten statt verwalten sei die Devise, ohne die man als Gemeindeoberhaupt laut Renner keinen guten Job machen kann.
Im Gegenzug darf ein Bürgermeister aber auch nicht immer nur seinen eigenen Kopf durchsetzen wollen; es ist ein fundamentales Element der Demokratie, dass im Zuge einer kommunalen Selbstverwaltung die Meinungsbildung und Entscheidungsfindung nicht autokratisch abläuft, sondern die gewählten Vertreter der Bürgerschaft die Entwicklung ebenfalls lenken.
Im Idealfall ist es ein Geben und Nehmen zwischen Bürgermeister und Gemeinderat, ein fairer Dialog, der von gegenseitigem Respekt geprägt ist. Und es ist auch kein Zeichen von Schwäche, wenn der Schultes seine Gemeinderäte um Rat fragt (deshalb heißt das Gremium ja so) und sich helfen lässt, wenn er mal nicht so richtig weiß, wie man in einem bestimmten Fall am besten vorgehen sollte.
Im Kehrschluss: Wer immer so tut, als habe er allein die Weisheit mit Löffeln gefressen, ist häufig nicht stark, sondern bemäntelt damit nur seine Unsicherheit. Ein souveräner Mensch kann nämlich zugeben, dass auch andere mal etwas besser wissen. Und er kann auf diese Weise vom Wissen und von den Erfahrungen anderer ja auch profitieren. Gemeinsam und harmonisch geht es in den meisten Fällen leichter und effektiver.
Das ist der Idealfall, aber die Realität sieht oft leider anders aus. Da gibt es in Rathäusern auch Leute im Chefsessel, die nach dem Prinzip agieren: „Es gibt nur zwei Meinungen: meine und die falsche!“ – und bei denen Meinungsaustausch immer so abläuft, dass deren Mitarbeiter mit ihrer Meinung ins Chefzimmer kommen und mit der Meinung des Bürgermeisters wieder hinausgehen. Es gibt aber auch Egomanen in den Gremien, die ihr Mandat dergestalt missverstehen, dass sie unter dem Vorwand, kritisch zu sein, in Wahrheit immer nur auf Konfrontation gebürstet sind.
In so einer Konstellation ist die Position des Gemeindeoberhaupts dann zwar immer noch gut bezahlt, aber keineswegs vergnügungssteuerpflichtig. Ob es wohl daran liegt, dass das Amt des Bürgermeisters für viele, eigentlich sehr fähige junge Verwaltungsfachleute keineswegs ein erstrebenswerter Traumjob ist und es immer häufiger vorkommt, dass sich Kommunen mit der Kandidatensuche reichlich schwer tun?

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