Direkt zum Inhalt springen

Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Altes Ich

Foto: Frank Bieg

Neues Jahr – neues Ich? Zum Jahreswechsel gute Vorsätze zu verfassen, gehört zu Silvester wie Raclette, betrunkene Menschen und Verletzungen durch Feuerwerkskörper. Weniger Süßkram, kein Alkohol, endlich mit dem Rauchen aufhören und stattdessen mit Sport anfangen – Selbstoptimierung steht ganz hoch im Kurs, alle Jahre wieder. Um Neujahrsvorsätze dreht sich auch die Marginalie diese Woche.

Sonntag, 07. Januar 2024
Sarah Fleischer
2 Minuten 23 Sekunden Lesedauer

Meistens geht es dabei um den eigenen Körper, um Gesundheit oder eben das, was man dafür hält. Die Weihnachtsstudie des Instituts für Empirie und Statistik der FOM Hochschule hat die zehn häufigsten Vorsätze für 2024 ermittelt: Mehr Sport landet auf Platz drei, gesünder ernähren auf Platz vier, über ein Drittel der Befragten nehmen sich das vor. Abnehmen liegt als Vorsatz auf Platz sechs mit knapp 24 Prozent.
Dass niemand spontan über Nacht die Lust auf Zucker und Fett komplett verliert und den eisernen Willen eines professionellen Kampfsportlers entwickelt, spielt beim Verfassen der Vorsätze erstmal keine Rolle. Sektselig und vollgestopft mit Raclettekäse und der letzten Weihnachtsschokolade prostet man aufs neue Jahr und das neue Selbst, voller Euphorie und Vorfreude.
Dabei müsste sich doch die Erfahrung aus den vorhergegangenen Jahren in Form eines leisen Stimmchens melden, das flüstert: „Weißt du noch, wie es vergangenes Jahr ausging? Weißt du nicht mehr, dass deine guten Vorsätze schon beim zwölften Glockenschlag an Kraft verloren und dann im Alltagstrott endgültig zugrunde gingen?“ Gesetze und Regeln mögen zum 1. Januar in oder außer Kraft treten, Menschen funktionieren einfach anders.
Schließlich ist es unseren Charaktereigenschaften, unseren Probleme und Lastern ziemlich egal, dass nach einer ausgedachten Zeitrechnung gerade ein „neues Jahr“ angebrochen ist. Mit den ersten Sekunden des neuen Jahres lassen wir all das ja nicht hinter uns, wir werfen es nicht ab wie einen Chitinpanzer, der uns zu klein geworden ist. Wir werden nicht um Mitternacht spontan zu besseren Menschen. Wir sind noch genau die gleichen, schusseligen, unperfekten und darum umso liebenswerteren Wesen, die wir vorher waren. Und genau deshalb sollten wir uns von all den guten Vorsätzen nicht stressen lassen.
Tatsächlich steht „Stress vermeiden oder abbauen“ ganz oben auf der Liste der Neujahrsvorsätze: 40 Prozent der Befragten in der Weihnachtsstudie wollen für 2024 weniger Stress. Mehr Zeit für sich selbst steht auf Platz fünf – und damit vor Abnehmen.
Gut für die Gesundheit ist weniger Stress allemal, wahrscheinlich sogar besser als ein täglicher grüner Selleriesaft oder erfolglose Abnehmversuche, die spätestens zu Ostern in der Tonne landen – zusammen mit der Aluverpackung des Schokohasen. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie benennt Stress sogar als eine eigene Ursache für plötzlichen Herzstillstand. Das ist wohl etwas, was wir alle im neuen Jahr vermeiden wollen: Plötzlich tot vom Stuhl zu kippen. Auf diesen Vorsatz kann man sich einigen.
Außerdem sind weniger Stress und mehr Zeit für sich selbst nicht unbedingt Vorsätze, die bei Nichteinhalten Frustration erzeugt – im Gegensatz zu mehr Sport oder Abnehmen.
Und schließlich ist es auch völlig legitim, einfach gar keine Vorsätze zu haben. Sozusagen als Gegenentwurf zum neujährlichen Selbstoptimierungswahn. Könnte ich auf Schokolade verzichten? Absolut! Würde mich das glücklicher machen? Absolut nicht! Will ich im neuen Jahr unglücklich sein? Auf gar keinen Fall! Manche Dinge muss man nicht ändern. Und wenn man sie doch ändern will, dann besteht kein Zwang, das zu Neujahr zu tun. Ein gewöhnlicher Donnerstag im Mai reicht völlig. In diesem Sinne: Neues Jahr – altes Ich.

Diesen und viele weitere Artikel finden Sie am Freitag in der Rems-​Zeitung. Die Ausgabe gibt es auch als E-​Paper am iKiosk.

Interesse an der kompletten Digitalausgabe?
Die Rems-Zeitung gibt es auch online im Direktkauf bei iKiosk

14 Tage kostenlos und unverbindlich testen?
Das RZ-Probeabo - digital oder klassisch mit Trägerzustellung

1494 Aufrufe
573 Wörter
50 Tage 5 Stunden Online

Beitrag teilen


QR-Code
remszeitung.de/2024/1/7/marginalie-altes-ich/