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Fasching und Fasten — zwei Seiten der gleichen Medaille

Foto: hkama – stock​.adobe​.com

Beim Wort „Fasten“ denken heute viele Menschen zunächst ans Abnehmen. Das Körpergewicht durch Einschränkungen bei der Ernährung zu reduzieren, hat mit Fasten im eigentlichen Sinne allerdings überhaupt nichts zu tun — auch wenn es in der Regel eine erfreuliche Nebenwirkung ist. Die „Marginalien“ der Rems-​Zeitung drehen sich diese Woche darum, ob man überhaupt sinnvoll Fasching feiern kann, ohne danach die Fastenzeit ebenso bewusst zu erleben. Lesen Sie den Text online gratis und in voller Länge!

Sonntag, 18. Februar 2024
Gerold Bauer
2 Minuten 38 Sekunden Lesedauer

Zeit der Entbehrung
folgt der Völlerei
So vieles wird nur deshalb als so angenehm empfunden, weil wir das Gegenteil davon auch erleben müssen und dies dann als nicht so erfreulich empfinden. Wir freuen uns doch nur deshalb so über einen sonnigen Tag im Frühling und die bunte Blütenpracht in der Gmünder Grabenallee, weil bis vor kurzen dort noch die Grautöne am Himmel und das Braun von aufgeweichtem Erdboden das Bild bestimmten. Dass diese Wahrnehmung eine sehr individuelle ist, soll gar nicht in Abrede gestellt werden. Einem Landwirt, dessen Pflanzen auf dem Feld nach Wasser lechzen, wird der einsetzende Regen ein Lächeln ins Gesicht zaubern, während jenen, die gerade den Tisch für die Geburtstagsparty im Garten gedeckt hatten, ein konstant trockenes Wetter und reichlich Sonne deutlich lieber wären.
Um Kontraste und das damit verbundene Gefühl geht es auch im Zusammenspiel von Fasching (Fastnacht) und Fasten, die nicht nur vom Wortstamm eng miteinander verbunden sind. Wie die Henne und das Ei ist beides untrennbar verbunden – und man kann ebenfalls darüber sinnieren, was denn zuerst da war. Häufig wird es ja so erklärt, dass die Leute in den „tollen Tagen“ vor Beginn der entbehrungsreichen Fastenzeit nochmal so richtig über die Stränge schlagen wollen. Sieben Wochen lang ohne Fleisch und Alkohol (abgesehen von den Sonntagen, an denen ja in der christlichen Tradition das Fastengebot eine Pause einlegt) war und ist für viele eine echte Herausforderung. Verständlich also, dass man kurz davor nochmal alles auskosten möchte, worauf man als gläubiger Christ in der vorösterlichen Zeit dann gefälligst verzichten soll.
Eigentlich wird aber genau umgekehrt ein Schuh draus. Dass man sich durch den bewussten Verzicht auf Genussmittel und Zurückhaltung beim Essen einen klaren Blick für das Wesentliche, sprich auf den Glauben, verschaffen möchte, wurzelt ja in der Erkenntnis, es das ganze Jahr über deutlich zu bunt getrieben zu haben. Dass es überall auf der Welt in den unterschiedlichsten Kulturen Fastentraditionen gibt, ist ein klares Indiz dafür, dass Menschen nach einer Zeit des Übermaßes das Bedürfnis nach Verzicht haben. Unabhängig von Ort und Religion haben Menschen gespürt, dass weniger in diesem Fall sehr viel mehr sein kann. So paradox das auf den ersten Blick klingt: Verzichten kann eine Bereicherung sein.
Viele, die konsequent von Aschermittwoch bis Ostern fasten, berichten davon, dass sie sich nach einer gewissen Eingewöhnungszeit so richtig wohl fühlen. Den Überfluss aus der Ernährung zu verbannen, führt zu jenem Effekt wie beim Ballonfahren, wenn Ballast abgeworfen wird. Alles wird leichter und der Ballon steigt höher. Diese deutlich spürbare Erleichterung gilt beim Fasten für den Körper ebenso wie für das Bewusstsein und die Seele.
Angesichts dieser positiven Wirkung, auch in medizinischer Sicht, erhebt sich natürlich die Frage, warum man dann nach sieben Wochen wieder in den alten Trott zurückkehrt. Warum lässt man die zehn Tassen Kaffee oder die täglichen zwei bis drei Gläser Wein, die Qualmerei oder die übersteigerte Verweildauer im Internet nicht einfach auf Dauer weg – wenn man doch so deutlich erlebt hat, dass es ohne eigentlich viel besser geht?
Da sind wir dann eben wieder bei den eingangs schon beschriebenen Kontrasten, die das Empfinden intensivieren. Ohne Völlerei wäre die Fastenzeit ja nichts Besonderes mehr. Und umgekehrt? Auch jene Narren, die vom Fasten wenig halten und beim Heringsessen am Aschermittwoch lieber ein Schnitzel bestellen, hätten beim Fasching wohl nicht halb so viel Freude, wenn es nicht zwischendurch eine lange Zwangspause gäbe. (pilatus)

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