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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Bewahren und Bewegen

Foto: privat

Die RZ-​Verlegerin Franziska Sigg verabschiedet sich nach vier Jahrzehnten an der Spitze.

Freitag, 23. Februar 2024
Thorsten Vaas
2 Minuten 30 Sekunden Lesedauer

Die Türe zu ihrem Büro stand stets offen – es sei denn, es war gerade eine dringende Unterredung angesetzt. Und derer gab es nicht wenige, denn die RZ-​Verlegerin Franziska Sigg hatte alles im Blick: die Menschen, das Geschäft, das Haus und natürlich die Zeitung. Also brachte jeder Arbeitstag neue Überraschungen und Herausforderungen, denen es zu begegnen galt: mal ein Wasserschaden am Dach, mal Feuer im Keller, regelmäßig neue Mitarbeiter finden, die Belegschaft verlässlich begleiten, bewährte Kräfte in den Ruhestand entlassen. Vor allem aber: Die Zeitung durch den Zeitenwandel steuern. Franziska Sigg tat dies mit der ihr eigenen Energie, erst Seite an Seite mit ihrem Bruder Meinrad Sigg, nach dessen Tod 2017 mit ihrer Nichte Kerstin Sigg. Angesichts der zahllosen Veränderungen im Verlagswesen hat sich die Führungsposition längst zu einer umfassenden Lebensaufgabe entwickelt, der sie sich mit aller Kraft gewidmet hat.
Dabei war ihr eine Berufstätigkeit als Geschäftsführerin so wenig in die Wiege gelegt worden wie den meisten Frauen ihrer Generation. Nachdem ihr Vater Georg Sigg in Russland verschollen war, führte die Mutter Rosa Sigg das Unternehmen weiter, über die gesamte Aufbauphase der Bundesrepublik hinweg bis ans Ende der 1980er-​Jahre. Franziska Sigg heiratete, zog zwei Töchter groß – und wusste bald, dass alles seine Zeit hat. Also suchte sie nach neuen Zielen und absolvierte zunächst einmal Praktika in fränkischen Heimatzeitungen. Sie hängte eine Ausbildung zur Handelsfachwirtin an und trat entsprechend gut vorbereitet 1983 in die Rems-​Zeitung ein – als ganz normale Angestellte.
Recht schnell übernahm Franziska Sigg verantwortungsvolle Tätigkeiten, insbesondere für das WochenBlatt, das sie abwechslungsreich gestaltete, mit aufmerksamem Blick für alle Anliegen, die Anzeigenkunden und Leserschaft bewegten. Nach Rosa Siggs Tod trat sie die Nachfolge der Mutter an: als geschäftsführende Komplementärin der Gesellschaft. Seit 1993 ist ihr Büro im dritten Stock des RZ-​Gebäudes an der Paradiesstraße, in direkter Nachbarschaft zur Buchhaltung. Wohl kaum ein Zufall, denn was Zahlen betrifft, hat sich die Verlegerin nie etwas vormachen lassen. Über Liquidität, Bankguthaben, Zahlungsein– und –ausgänge hat sie sich jeden Tag informiert. Ebenso über alles, was in der Zeitung stand. Die eine oder andere Beobachtung teilte sie auch gern mit der Redaktion, ihr verlegerisches Wissen brachte sie in die Zusammenkünfte der Württembergischen Zeitungsverleger ein. Umgekehrt verfolgte sie neugierig, was andere Häuser in ihren Portfolios entwickelten. Ihr eigener Kurs blieb gewissermaßen doppelt getaktet: Bewahren und Bewegen, Tradition und Innovation zusammendenken – das ist die Mission, der sich Franziska Sigg bis heute verpflichtet fühlt und die sie mit ihrer ganzen Persönlichkeit erfüllt hat.
Dass ihr dabei auch Soziales am Herzen lag, kam vor allem den RZ-​Pensionären zugute. Franziska Sigg war Vorstand der betriebseigenen Unterstützungskasse, förderte Tier– und Kinderschutz in Schwäbisch Gmünd, ohne Aufhebens davon zu machen. So wenig wie von sich selbst. Wer ihr begegnen wollte, tat gut daran, früh aufzustehen: Morgens um 5 Uhr war sie bereits unterwegs mit ihrem Labrador-​Hund. Drei Generationen von ihnen sorgten für fröhliches Schwanzwedeln in der dritten Etage – und dafür, dass der eine oder andere im Betrieb immer ein paar Leckerli in der Schublade hatte.
Damit ist es nun vorbei. Nach vier erfolgreichen Jahrzehnten an der Spitze der Rems-​Zeitung verabschiedet sich Franziska Sigg sowohl als Geschäftsführerin wie als Gesellschafterin vom Unternehmen. Sie freut sich auf mehr Ruhe, mehr Privatleben als bisher. Auf Bücher, Konzerte, Begegnungen – und Muße, um die Zeitung von vorn bis hinten durchzulesen. Kerstin Sigg wird das Unternehmen und damit die Familientradition fortführen.
Unser großer Dank gilt der scheidenden Verlegerin und ihrer imponierenden Lebensleistung, ein „Glück auf“ der nächsten weiblichen Sigg-​Generation. Frauen, so lehrt dieses Beispiel, können alles. Und manches sogar besser als die Männer.

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