Direkt zum Inhalt springen

Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Demokratie verteidigen: Warum es so wichtig ist, dass die Mehrheit nicht schweigt

Foto: rz

„Die schweigende Mehrheit“ — was denkt sie denn? Solange die Leute ihr Schweigen nicht brechen, kann jede und jeder, und nicht zuletzt politische Gruppierungen, für sich in Anspruch nehmen, die „Stimme des Volkes“ zu sein. Lesen Sie in dem RZ-​Marginalien — hier online in voller Länge und gratis — warum es so wichtig war und weiterhin sein wird, dass Menschen auf die Straße gehen und die Demokratie gegenüber extrem denkenden „Rattenfängern“ verteidigen!

Sonntag, 04. Februar 2024
Gerold Bauer
2 Minuten 29 Sekunden Lesedauer

Das Leben könnte gut sein
Ein so zahlreiches politisches Bekenntnis in der Öffentlichkeit wie am Wochenende bei der Demonstration gegen Rechts hat Gmünd seit den Protesten gegen die Stationierung von Atomraketen nicht mehr gesehen. Menschen aus allen Generationen und mit unterschiedlichsten Berufen ließen keinen Zweifel daran, dass die Demokratie nicht durch nationalistisches, faschistisches oder rassistisches Gedankengut in Gefahr gebracht werden darf.
War ein solcher Protest wirklich nötig? Gibt es diese befürchtete Bedrohung durch das extrem rechte politische Spektrum überhaupt – oder wird hier vielleicht zu Unrecht die AfD diffamiert, weil sie es wagt, dem Volk aus der Seele zu sprechen? Je mehr Menschen auf die Straße gehen und „Nein“ sagen, je zahlreicher die Mehrheit ihr Schweigen bricht, desto klarer wird, dass rechtsradikale Parolen oder fremdenfeindliches Gedankengut eben nicht die „Stimme des Volkes“ sind.
„Wehret den Anfängen“ wird Schulkindern seit 1945 immer wieder im Geschichtsunterricht gesagt; aber bis ins 21. Jahrhundert hinein konnte niemand sich vorstellen, dass sich das dunkelste aller Kapitel der deutschen Geschichte jemals wiederholen könnte. Man dachte sich: Solchen Rattenfängern geht doch niemand mehr auf den Leim, man hat doch gesehen, wohin das führt. Es fängt unter dem Deckmantel der Scheinheiligkeit an, indem in Krisenzeiten wohlklingende Lösungen versprochen werden – doch am Ende stehen Leid, Tod und Trauer.
Vor ein paar Tagen lief im Fernsehen ein Film über Ruth Maier – einer jungen Österreicherin, der ein sehr ähnliches Schicksal widerfuhr wie Anne Frank. Sie stammte aus einer Wiener Familie mit jüdischen Vorfahren und konnte dank der internationalen Gewerkschaftskontakte ihres Vaters als 19-​Jährige nach Norwegen emigrieren, während ihre Mutter und ihre jüngere Schwester nach England flüchteten. Doch nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht erstarkte auch in Norwegen der Antisemitismus und Rassenwahn. Aufgrund ihrer erhaltenen Tagebücher sind viele Details bekannt aus dem Leben jener literarisch und künstlerisch begabten jungen Frau. Wie ein roter Faden durchzieht diese Seiten die Forderung, Menschen nicht nach ihrer Herkunft zu beurteilen, sondern nach ihren Ideen, ihrem Können und ihren Taten. In ihren Aufzeichnungen beschreibt Ruth Maier auch jenen Schrecken, der sie befallen hatte, als sich im vermeintlich sicheren Norwegen genau jene Szenen wiederholten, vor denen sie aus ihrer österreichischen Heimat geflohen war. Ihr Antrag auf Ausreise in die USA wurde von den US-​Behörden abgelehnt. Schließlich wurde Ruth Maier von Nationalsozialisten verhaftet, mit einem Schiff nach Auschwitz deportiert und dort im Alter von 20 Jahren ermordet.
Solche Schicksale scheinen vergessen zu werden. Denn wieder hört man hier Stimmen, die sehr laut danach rufen, Deutschland von Zuwanderern zu befreien; auf der Ostalb posierten vor Kurzem Mitglieder der AfD grinsend mit einem „Abschiebekalender“. Angesichts einer solchen Geste, die Bände über die Geisteshaltung spricht, fällt einem jener Satz ein, den in einem Kriegsfilm der NS-​kritische deutsche Frontoffizier zum SS-​Mann sagt, als dieser ein flüchtendes jüdisches Kind jagen lässt: „Leute ihres Schlages erinnern mich an etwas, das man an den Füßen hat, wenn man zu lange durch die Gosse gelaufen ist – und es stinkt besonders an heißen Tagen!“ Und man denkt an den deutschen Titel, unter dem Ruth Maiers Tagebücher erst ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod veröffentlicht wurden: „Das Leben könnte gut sein“. Sorgen wird alle dafür, dass es nicht beim Konjunktiv bleibt! (meltemi)

Interesse an der kompletten Digitalausgabe?
Die Rems-Zeitung gibt es auch online im Direktkauf bei iKiosk

14 Tage kostenlos und unverbindlich testen?
Das RZ-Probeabo - digital oder klassisch mit Trägerzustellung

2874 Aufrufe
597 Wörter
21 Tage 4 Stunden Online

Beitrag teilen


QR-Code
remszeitung.de/2024/2/4/demokratie-verteidigen-warum-es-so-wichtig-ist-dass-die-mehrheit-nicht-schweigt/