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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Rote Rosen

Symbol-​Foto: Pixabay/​Peggychoucair

Am 8. März war Internationaler Frauentag — allernorts bekam man als Frau eine Rose geschenkt, auch im Rathaus in Schwäbisch Gmünd. Einen Tag lang macht man auf die Probleme und Gefahren im Leben von Frauen aufmerksam — aber wirklich ändern tut sich nichts. Dabei müsste es das, findet die Autorin dieser Marginalie.

Sonntag, 10. März 2024
Sarah Fleischer
2 Minuten 39 Sekunden Lesedauer

Wissen Sie noch, was gestern für ein Tag war? Ja, Freitag – Wochenende, juchuuu. Der 8. März – ein früher Frühlingstag quasi. Außerdem war das Wetter bombastisch. Was war noch? Achja, richtig – es war Internationaler Frauentag. Sie wissen schon, der Tag, an dem alle weiblich gelesenen Personen eine Rose in die Hand gedrückt bekommen, ob sie wollen oder nicht. Bitte nicht falsch verstehen – Rosen sind großartig, am besten in dunkelrot oder zartrosa, als Einzelexemplar und nicht als kompletter Strauß. Und es ist ja auch eine nette Geste, beim Einkauf oder im Bürgerbüro einfach so eine Blume geschenkt zu bekommen. Doch genau so, wie die wunderschönen Rosen Dornen haben, so hat auch der Internationale Frauentag immer irgendwie einen faden Beigeschmack. Alle Jahre wieder gibt es in den Tagen vor dem 8. März wieder Studien zur Gender Pay Gap, zu Gewalt an Frauen und dem Geschlechter-​Bias in der Medizin. Es gibt Demos und Kundgebungen in fast jeder größeren Stadt. Unternehmen betonen, wie wichtig ihnen „starke Frauen“ sind und wie sehr sie sie unterstützen, Kosmetika, Klamotten, Schokolade und Alkohol werden als „Selfcare“ zum Weltfrauentag beworben – und kaum ist der Tag rum, ist alles wieder beim Alten. Dann regiert das Patriarchat weiter, als wäre nichts gewesen. Ein-​Tages-​Revolution ohne Folgen sozusagen. Aber hey, was sollten wir auch ändern wollen? Frauen geht’s doch super!
In Wien wurden Ende Februar innerhalb eines Tages fünf Frauen getötet – einfach, weil sie Frauen waren. Von 190 von der Weltbank untersuchten Ländern bietet kein einziges Frauen genau die gleichen Rechte und Chancen wie Männern. Die unbereinigte Gender Pay Gap liegt in Deutschland noch immer bei 18 Prozent, bereinigt sind es sechs Prozent. Eine Frau mit dem gleichen Abschluss, der gleichen Berufserfahrung und der gleichen Qualifikation verdient für die gleiche Arbeit also durchschnittlich sechs Prozent weniger als ein Mann. Fast jeden dritten Tag stirbt eine Frau in Deutschland durch die Hand ihres Partners oder Ex-​Partners. Weltweit geschieht statistisch alle zwölf Minuten ein Femizid. In der Zeit, in der man mit dem Bus von Schwäbisch Gmünd nach Unterbettringen fährt, wird also irgendwo auf der Welt eine Frau ermordet.
Dass es gefährlich ist, als weiblich gelesenes Wesen in dieser Welt zu existieren, bekommen wir von klein auf beigebracht. „Trag keine offenen Haare auf dem Fahrrad!“ – „Nimm für den Heimweg heute Nacht eine lange Hose mit!“ – „Hab immer ein Handy dabei!“ – „Lächle keine fremden Männer an!“ – „Lass dein Getränk in der Bar nicht unbeaufsichtigt!“ Natürlich sind das gut gemeinte Ratschläge. Denn natürlich bringt man auch seinen Kindern bei, am Zebrastreifen trotzdem noch mal nach Autos zu gucken. Aber man würde ja auch von den Autofahrern erwarten, dass sie bremsen, und nicht einfach drauf los brettern, komme, was wolle.
Für Frauen ist das alles 365 Tage im Jahr ein Thema. Die Fraueninitiative Gmünd hat sich darum mit ihren Aktionen nicht nur auf den 8. März beschränkt, sondern darüber hinaus für Veranstaltungen und Demos gesorgt und deutlich gemacht: Feminismus und Frauenrechte sind kein „Special Interest“, das nur einen kleinen Teil betrifft, die „einfach noch keinen richtigen Kerl abgekriegt haben.“ Feminismus braucht keine „starken Männer“ und auch keine „starken Frauen“, weil man sich gegenseitig unterstützt, egal welches Geschlecht, und weil jede Person schwache und starke Momente haben darf. Feminismus will gleiche Rechte für alle, egal welche Herkunft, welche Sexualität und welches Einkommen. Feminismus ist für alle. Und zwar das ganze Jahr über. Nicht nur am 8. März.

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