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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Bedingt teamfähig

Symbol-​Foto: Pixabay/​PublicDomainPictures

Ständig, wirklich ständig muss man sich entscheiden, deutlich machen, in welchem „Team“ man ist oder auf wessen Seite man steht. Das geht dem Autor dieser Marginalie gehörig auf die Nerven. Denn er findet: Es ist nicht immer alles schwarz-​weiß.

Sonntag, 03. März 2024
Sarah Fleischer
2 Minuten 31 Sekunden Lesedauer

NEIN! BIN ICH NICHT! Ich kann sie nicht mehr hören, diese Frage! Wer hat eigentlich wann damit angefangen und wieso? Ach, L.. (hier bitte Götz-​Zitat einsetzen). Puuuh! Entschuldigen Sie diesen Gefühlsausbruch, aber manchmal platzt mir einfach der Kragen. Seit einiger Zeit werde ich ständig gefragt, in welchem Team ich sei. Team Drosten oder Streeck? Oder gar Bakhdi? Team Chillen oder Feiern? Bush oder Trump? Israel oder Palästina? Ukraine oder Russland?
Regelmäßig bläst sich jemand mit einer unverrückbar fest betonierten Meinung vor mir auf und verlangt, dass ich Position beziehe: ohne Wenn und Aber – notfalls auch bei Dingen, von denen ich schlichtweg keine Ahnung habe. Wobei sich bei etwas Nachhaken oft herausstellt, dass diejenigen, die von mir ihre Meinung bestätigt haben wollen, oft noch weniger Ahnung – geschweige denn Wissen – haben als ich, aber dafür überdurchschnittlich viel Meinung. Und diejenigen mit den festgefügtesten Standpunkten sind meist jene, mit denen ich – um es deftig auszudrücken– am Hinterteil nichts gemein haben möchte. Welcher Einfaltspinsel glaubt eigentlich, dass man das Sterben von Tausenden von Menschen auf die Dimension eines Fußballspiels oder Tennismatches eindampfen kann?
Das eigentlich Perfide dieser Fragen ist ja, dass jeder Fakt, der die eigene (Extrem-)position schwächt, ausgeschlossen wird. Schwarz oder Weiß ist aber angesichts der Komplexität vieler Fragen keine überzeugende Antwort mehr und war es eigentlich noch nie. Zwischen Schwarz und Weiß gibt es eine Menge Nebelgrau, in dem es sich zu stochern lohnt, um vielleicht am Ende etwas klarer zu sehen. Gegenwärtig scheint die hurtig gefasste und laut hinaus posaunte Meinung wichtiger und vor allem richtiger zu sein als die mühsam aus vielen Informationen zusammengepuzzelte Lösung, die halt immer nach Kompromiss aussieht. Und Kompromiss ist etwas, das die Propheten der absoluten Wahrheiten fürchten wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser.
Denn Kompromiss heißt, die eigene Maximalposition in Frage zu stellen. Statt dem ersten Empörungsimpuls nachzugeben und lautstark die Rezepte von Vorgestern als tragfähige Lösungen für Übermorgen zu verkaufen, verlangt er Innehalten, Nachdenken und möglicherweise einzugestehen, dass man sich nicht sicher ist, vielleicht sogar, dass man an den eigenen Erkenntnissen und Positionen auch mal zweifelt. Doch in Zeiten markiger Parolen gelten Zweifler und Grübler als suspekt. Dabei warnte schon der Lyriker Erich Fried: „Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er hat Angst, aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kenne keine Zweifel.“
Wer aber die oben skizzierten Fragen nach der Teamzugehörigkeit stellt, möchte hinterher blinde Gefolgschaft, vielleicht sogar Kadavergehorsam einfordern. Aber wer röhrt, „wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, hat nicht verstanden, dass jemand, der nicht ausdrücklich für etwas ist, genauso ausdrücklich nicht dagegen ist. Es ist ihm vielleicht schlichtweg wurscht oder er versucht sich erstmal zu informieren, bevor er Stellung bezieht. Im Übrigen vollkommen zurecht, denn es gibt keinen permanenten Positionierungszwang.
Und NEIN, ich bin auch nicht der Meinung, dass die Wahrheit (die es vermutlich ohnehin nicht gibt) stets in der Mitte liegt. Spätestens bei der Frage der Schwerkraft oder der Form der Erde (Sie ist nicht flach!) wäre dies auch kompletter Blödsinn. Doch hin und wieder die Perspektive zu wechseln, tut Staat und Gesellschaft, aber auch in der Familie und im Freundeskreis gut. Wer dazu bereit ist und auch mich dran erinnert, wenn ich es selbst mal vergesse, dem rufe ich ein „Willkommen im Team“ zu.

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