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Europas Untiefen: Viel „Ram-​di-​dam“ beim ESC in Malmö

Foto: picture alliance /​dpa | Jens Büttner

„Ich höre mich nur tiefgründig an“, gesteht Taschenspieler Gully in der Fernsehserie „Monk“ dem titelgebenden Privatdetektiv. „Tief drinnen bin ich sehr oberflächlich.“ Ein Zitat, das sich, wie unser Kolumnist findet, auch als Slogan für den Eurovision Song Contest ganz wunderbar eignen würde.

Samstag, 11. Mai 2024
Benjamin Richter
2 Minuten 8 Sekunden Lesedauer

Der gut gemeinte Slogan-​Vorschlag dürfte jedoch auf taube Ohren stoßen: Das Motto, das bislang jährlich neu formuliert worden war, lautet dieses Mal, wie schon im Vorjahr, „United by Music“, zu Deutsch „Vereint durch Musik“, und soll es auch in den kommenden Jahren bleiben.

Strotzten auch die Wahlsprüche vergangener Jahre wahrlich nicht vor Originalität – wobei der Contest in Kiew 2017 mit „Celebrate Diversity“ fast mutig aus der Reihe fiel –, hat man sich nun an den kleinsten gemeinsamen Nenner gekettet und alle Hoffnung fahren gelassen, je über ihn hinauszuwachsen.

Nachdem die maltesische Entsandte Sarah Bonnici das Spektakel der Seichtigkeit mit einem kulinarischen Allerlei eröffnet hatte („ich bin ein Honigtopf“, „als Sahnehäubchen bist du der Zimt“), drohte Kaleen alias Marie-​Sophie Kreissl für Österreich unverhohlen: „We will rave“ – „Wir werden raven“. Gesagt, getan – wobei die um einen nicht näher erklärten Herzschmerz herumwabernden Strophen der Eurodance-​Nummer nicht so recht mit dem um ein lautmalerisches „ram-​di-​dam-​dam-​dam“ aufgebauten Refrain zusammenpassen wollen.

Schade auch, dass die albanische Sängerin Besa Kokedhima ihre ursprünglich in der Landessprache verfasste Powerballade „Zemren n’dore“ („Herz in der Hand“) nach dem nationalen Vorentscheid ins Englische übersetzte und mit „Titan“ nur einen sehr austauschbaren Beitrag leisten konnte. Die ersten Takte der lettischen Beteiligung „Hollow“ wiederum ähneln auffallend der Anfangssequenz des Chartstürmers „What I Did For Love“ von David Guetta und Emeli Sandé. Was der Qualifikation für das große Finale am Samstagabend allerdings nicht im Wege stand.

Mit Spannung war der Beitrag Israels erwartet worden, nachdem die europäische Rundfunkunion EBU die ursprüngliche Fassung mit dem Titel „October Rain“ als zu politisch abgelehnt hatte. Ein Lied über den Überfall der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober, das passte so gar nicht in das der heiteren Belanglosigkeit verschriebene Konzept des Euro-​Contests.

Herausgekommen ist nun nichts Halbes und nichts Ganzes, da sich der bis zur ESC-​Tauglichkeit verwässerte Song immer noch um dieselben Ereignisse dreht, nur dass jetzt statt des Oktoberregens ein „Hurricane“ sinnbildlich auf Interpretin Eden Golan niedergeht. Vor der Malmö Arena riefen propalästinensische Demonstranten zum Boykott auf, drinnen – tief drinnen – gab es Jubel und das Finalticket für Israel.

Im Jahr von Europas großer Nabelschau gerät der Song Contest, wenige Wochen vor Europawahl und Fußball-​EM, selbst für den überzeugtesten Europäer zur Beilage. Vielleicht ist das auch besser so, sinniert der Kolumnist, während er zur Eurovisionshymne „Te Deum“ statt des verbreiteten Texts „Wir wandern durch Europa, von Hamburg bis nach Amsterdam“ „von Alfdorf bis nach Mögglingen“ summt – global betrachtet nahezu dieselbe Entfernung.

Irgendwo dazwischen liegt Straßdorf. Doch ob man dem dort wohnenden Gesangstalent Elias Biechele („Voice of Germany“, „Giovanni Zarrella Show“) eine künftige ESC-​Teilnahme wünschen sollte, da scheinen Zweifel berechtigt, landet Deutschland doch regelmäßig auf einem der hintersten Plätze. Vielleicht sind wir im Kern einfach nicht oberflächlich genug. (Robert Mirko)

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