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Nachrichten Spraitbach

Nicole Löb: Hausärztin zwischen Bürokratie und Ärztemangel

Foto: tv

Erst ist es zum Schmunzeln. Dann wird klar: Es ist bloß zum Weinen. Was in der Hausarztpraxis von Nicole Löb in Spraitbach passiert, ist ein Spiegelbild für die Bürokratie im Gesundheitswesen. An jenem Nachmittag zeigt sich, was schiefläuft, warum junge Mediziner die Lust am Landarzt sein vergeht. Und man sieht, welche Chancen Digitalisierung und Netzwerke in einer Region bieten, die hausärztlich unterversorgt ist. Als einzige in Baden-​Württemberg.

Sonntag, 12. Mai 2024
Thorsten Vaas
1 Minute 47 Sekunden Lesedauer

Sie hat sich die Zehen erfroren, das schmerzt. Passiert ist es im Dezember vergangenen Jahres, seither plagt sich die 75-​jährige Patientin damit herum. Sie ist die letzte Patientin des Tages in der Hausarztpraxis von Nicole Löb. Ein langer Tag liegt hinter der Landärztin, 129 Patientinnen und Patienten waren heute da, manche bloß zum Blutabnehmen, andere zum Impfen, Kontrolluntersuchungen, Husten, Schnupfen, Rezepte holen, nun jene rüstige Frau, Patientin 130. Sie hat ihren Fuß aus dem Schuh gezogen, damit Löb ihn untersuchen kann. Die Zehen sind bleich, rau, sie muss ins Krankenhaus, Blutgefäße untersuchen lassen, vielleicht braucht sie einen Stent, um Gefäße wieder zu öffnen. Wenn das so einfach wäre. „Ich kann Sie nicht direkt ans Krankenhaus überweisen“, sagt Löb. Als Hausärztin muss sie die Frau an einen Facharzt überweisen. Der überweist sie dann in die Klinik. Man könnte über diesen Verwaltungswahn schmunzeln. Wenn es nicht so traurig und eine Metapher für das wäre, was im Gesundheitswesen schiefläuft. „Ich verstehe das überhaupt nicht“, sagt die Seniorin. Ehrlicherweise versteht es selbst Löb nicht, was diese Bürokratie soll. Sie nennt das Idiotie.
Löb ist Landärztin, trotzdem, ganz bewusst. Patientinnen und Patienten wie die 75-​Jährige liegen ihr am Herzen, Senioren, die vulnerable Gruppe, wie Fachleute dazu sagen. „Ich will sie versorgt wissen“, sagt die 41-​jährige Ärztin, der Großteil ihres Patientenstamms ist 60 und älter. Vor etwas mehr als drei Jahren ist sie mit ihrem Mann und zwei Kindern von Heidelberg mitten in der Corona-​Pandemie hierher gezogen, aufs Land nach Spraitbach, in Baden-​Württembergs einzigen Bereich, der hausärztlich unterversorgt ist. „Wir haben bundesweit geschaut, wohin wir gehen“, sie hätten überall hin können von Flensburg bis Oberstdorf, doch in Spraitbach hat’s der Familie gefallen. Mann und Kinder haben sich die Region angeschaut, sie die Praxis ihres Vorgängers. Ein feiner Arzt, „sympathisch, wie er denkt“, nämlich wie sie. Sie will Menschen versorgen, statt durchs System schleusen, am besten über Generationen hinweg betreuen und begleiten, da sein und zuhören. „Insgesamt waren hier mehr Häkchen auf dem Zettel als anderswo“, erzählt sie. Einzelhandel, Infrastruktur, Nahverkehr, Naherholung, hier gibt’s so gut wie alles. Bloß zu wenig Ärzte.

Wie Land, Landkreis und Landärzte mit dieser Situation umgehen, lesen Sie am Montag in der Rems-​Zeitung.

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