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» Schwäbisch Gmünd | Montag, 19. August 2013

Inge Eberle auf der Suche nach Nachkommen Gmünder Juden: Vergessenen ihre Namen zurückgeben

Galerie (4 Bilder)

Bösen Ärger gab’s mit dem Rabbiner, als Rosine Neumaier fürs christliche Personal einen Weihnachtsbaum aufstellen ließ. Und einer Bürgschaft Albert Einsteins ist es zu verdanken, dass Erwin Neumaier in die USA einreisen durfte. Inge Eberle hat diese und andere Geschichten in Hamburg gehört.

Von Birgit Trinkle
Warum sind sie nicht früher gegangen, warum nur haben sie sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht, bevor sie so vieles verloren haben, entrechtet wurden und in gottverlassenen Winkeln umgebracht? Diese Frage stellt sich allen, die sich mit den Lebensläufen der Gmünder Juden beschäftigen. Ernst Lämmle und Ortrud Seidel haben die Schicksale nachvollzogen; jetzt ist es Inge Eberle, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet, indem sie die Familien bzw. deren Nachkommen zurückholt, in Gedanken, Worten und nicht zuletzt persönlich.
Die jüdischen Familien, die Kultur, Industrie und Handwerk aber auch die Gemeinschaft in Gmünd lange Zeit mitgeprägt haben, dürfen nicht vergessen werden – das ist der Ansatz, aus dem heraus das alles begonnen hat. Längst gibt es eine ganze Reihe von Stolper– und Meilensteinen auf dem Weg in eine andere Erinnerungskultur. So arbeitet die Kreissparkasse ihre Geschichte auf: Im Gebäude erinnert schon jetzt eine Tafel an den ehemaligen Synagogenstandort; auf den neu entstehenden Platz wird dem Thema nun in ganz anderem Rahmen buchstäblich Raum gegeben. Ein Standort der Erinnerung ist auch das Haus Sebaldstraße 10 – heute Teil der Rems-​Zeitung – das einst der Familie Neumaier gehörte.

Der Arbeitskreis Stolpersteine – Rudolf Berkenhoff, Wolfgang Gundlach, Tilman John und Inge Eberle – hat einiges angestoßen, der Stadtgeschichte in all ihren Aspekten gerecht zu werden, eben nicht nur den glanz– und glorreichen Epochen nachzuspüren. Die bundesweite, vom Künstler Gunter Demnig begründete Aktion will den Opfern überall in Europa auf zigtausenden Messingtäfelchen zumindest ihre Namen zurückgeben. In den Geschichten, die damit wieder in Erinnerung gebracht werden, lebt vieles auf. Wie jung sie waren, wie verdient, wie begabt, was sie lustig fanden und wen sie gern gehabt haben. Welche Hoffnungen mit ihnen starben, was ihnen angetan wurde. Beim Gmünder Hermann Heimann etwa befanden Schüler: „Sie haben ihm sein Erspartes genommen, die Allianzversicherung, seine Briefmarken, seine Würde und dann sein Leben.“ Von Demütigung und Entrechtung, von Vertreibung und Ermordung erzählen diese Tafeln; dass nicht selten die Nachkommen dabei sind, wenn sie verlegt werden, ist Inge Eberles Verdienst; Nachkommen, die oftmals nach Jahrzehnten Zugang finden zur eigenen Familiengeschichte und endlich aufarbeiten können, was verschüttet war. Die Söhne des letzten Gmünder Rabbiners etwa leben noch – und Inge Eberle hat Kontakt zum Jüngeren.
Vieles erlebt Inge Eberle bei ihrer Detektivarbeit – bis hin zum Ausruf „Endlich, endlich macht ihr etwas“ und zum Zulassen versöhnlicher Gedanken. So hat die Enkelin der ermordeten Kahns den festen Vorsatz aufgegeben, niemals deutschen Boden zu betreten. Bis wirklich allen Familien nachgespürt war, hat Inge Eberle ungezählte Stunden am Rechner, am Telefon, in Archiven verbracht. Unter anderem fuhr sie zur nun 94 Jahre alten Hildegard Neumaier, Witwe des Gmünder Juden Erwin Neumaier. Der bei dieser Begegnung entstandene Film wird an Erinnerungstagen gezeigt.
Die Schwiegereltern der alten Dame, Moses Max Neumaier und Rosine geborene Kahn, lebten in gutem Einvernehmen mit der Nachbarschaft, wie Autorin Ortrud Seidel in Erfahrung gebracht hat: „Man feierte Feste miteinander und lud sich gegenseitig ein. Frau Neumaier ist den früheren Nachbarn als eine liebe Frau in Erinnerung, die viel Gutes tat. Dazu gehörten auch regelmäßige Besuche bei den Gefangenen im damaligen Amtsgerichtsgefängnis, der heutigen Fuggerei.“ Auch Hildegard Neumaier erzählte davon: Ihre Schwiegermutter sei „eine Seele von Mensch“ gewesen, die geholfen habe, wo sie konnte, zu Kranken ging und für so viele ein freundliches Wort hatte. Moses Max und Rosine Neumaier wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie elend zu Grunde gingen. Vor der Rems-​Zeitung, Sebaldstraße 10, ihrer letzten selbstgewählten Adresse, erinnern ihre Namen an sie.
Sohn Erwin, 1903 geboren, war im Kindergarten St. Loreto, in der evangelischen Volksschule und in der Handelsschule. Im Gespräch mit Inge Eberle erzählte Hildegard Neumaier in ihrem Hamburger Wohnzimmer von längstvergessenen Freundschaften etwa zu Cousine Helle Rothschild, die ebenfalls überlebt hat und die sie nach dem Tod ihres Mannes in Tel Aviv besuchen konnte.
Nach seiner kaufmännische Lehre bei Eisen-​Buhl heiratete der junge Erwin eine Nicht-​Jüdin. Sein Schwiegervater, ein Parteifunktionär, veranlasste 1934 die Zwangsscheidung; seine Söhne durfte Erwin nicht mehr sehen. 1936 wurde er wegen Rassenschande zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, danach ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht; was die Häftlinge dort zu erdulden hatten, ist bekannt, wenngleich nicht wirklich vorstellbar. Erwin Neumaier versuchte einfach nur zu überleben — die Schläge, die Schwerstarbeit im Steinbruch, Hunger, schließlich Krankheit. Unterdessen baten Erwins Tanten Präsident Roosevelt persönlich um Hilfe. Vergeblich: Längst hatten die USA die Einreise der verfolgten Juden drastisch begrenzt. Erwins Schwester, rechtzeitig entkommen, konnte ihm schließlich aus Schanghai eine Schiffskarte schicken: „Na, Judenbengel, willst Du uns verlassen“, war wohl der schönste Satz, den Erwin Neumaier je gehört hat. Die Elendszeit in Schanghai während der japanischen Besatzung hat Ortrud Seidel beschrieben; Hildegard Neumaier weiß insbesondere um den Neuanfang in San Franzisko.
Das Affidavit, zwingend erforderlich für die Einreise in die USA, verdankte er Albert Einstein, der rund 400 dieser beglaubigten Bürgschaftserklärungen ausgestellt hat. Ob die beiden verwandt waren, wie die Witwe meint, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wohl aber, dass sie sich als Kinder gekannt und Jahrzehnte später noch einmal in New York getroffen haben. Glücklich wurde Erwin Neumaier in Amerika nicht. Und 1954 ging er wieder nach Deutschland zurück, wo er seine krebskranke erste Frau bis zu deren Tod pflegte. Erst 1979 heiratete er zum zweiten Mal. Zur Stolperstein-​Verlegung für die Neumaiers wünschte sich die Schwiegertochter, ihr Mann hätte das erleben können: „Doch bin ich auch dankbar, dass es gemacht wird.“
Warum sie nicht früher gegangen sind, die Gmünder Juden? Zum einen natürlich, weil sie sich nicht vorstellen konnten, wie schlimm es werden würde und weil sich Männer wie Rudolf Rothschild in der Bahnhofstraße, die im Ersten Weltkrieg für Tapferkeit vor dem Feind ausgezeichnet worden waren, so sicher wähnten. Rothschilds Tochter Alice – die in St. Ludwig zur Schule ging und im Kaufhaus „Meth“ gelernt hatte – erinnerte sich zeitlebens voller Kummer an ihren Abschied aus Gmünd. Und Erwin Neumaier kehrte jedes Jahr zumindest für kurze Zeit zurück, um Hildegard wieder und wieder seine Stadt zu zeigen und alles was sie ausmacht: „Über ihn habe auch ich diese Stadt lieben gelernt“. Der Dichter Theodor Kramer hat in einem später vertonten Gedicht („Andere, die das Land so sehr nicht liebten“) geschrieben, warum er nicht früher gegangen ist: „Ich doch müsste mit dem eignen Messer meine Wurzeln aus der Erde drehn.“

 

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Von Birgit Trinkle
Warum sind sie nicht früher gegangen, warum nur haben sie sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht, bevor sie so vieles verloren haben, entrechtet wurden und in gottverlassenen Winkeln umgebracht? Diese Frage stellt sich allen, die sich mit den Lebensläufen der Gmünder Juden beschäftigen. Ernst Lämmle und Ortrud Seidel haben die Schicksale nachvollzogen; jetzt ist es Inge Eberle, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet, indem sie die Familien bzw. deren Nachkommen zurückholt, in Gedanken, Worten und nicht zuletzt persönlich.
Die jüdischen Familien, die Kultur, Industrie und Handwerk aber auch die Gemeinschaft in Gmünd lange Zeit mitgeprägt haben, dürfen nicht vergessen werden – das ist der Ansatz, aus dem heraus das alles begonnen hat. Längst gibt es eine ganze Reihe von Stolper– und Meilensteinen auf dem Weg in eine andere Erinnerungskultur. So arbeitet die Kreissparkasse ihre Geschichte auf: Im Gebäude erinnert schon jetzt eine Tafel an den ehemaligen Synagogenstandort; auf den neu entstehenden Platz wird dem Thema nun in ganz anderem Rahmen buchstäblich Raum gegeben. Ein Standort der Erinnerung ist auch das Haus Sebaldstraße 10 – heute Teil der Rems-​Zeitung – das einst der Familie Neumaier gehörte.

Der Arbeitskreis Stolpersteine – Rudolf Berkenhoff, Wolfgang Gundlach, Tilman John und Inge Eberle – hat einiges angestoßen, der Stadtgeschichte in all ihren Aspekten gerecht zu werden, eben nicht nur den glanz– und glorreichen Epochen nachzuspüren. Die bundesweite, vom Künstler Gunter Demnig begründete Aktion will den Opfern überall in Europa auf zigtausenden Messingtäfelchen zumindest ihre Namen zurückgeben. In den Geschichten, die damit wieder in Erinnerung gebracht werden, lebt vieles auf. Wie jung sie waren, wie verdient, wie begabt, was sie lustig fanden und wen sie gern gehabt haben. Welche Hoffnungen mit ihnen starben, was ihnen angetan wurde. Beim Gmünder Hermann Heimann etwa befanden Schüler: „Sie haben ihm sein Erspartes genommen, die Allianzversicherung, seine Briefmarken, seine Würde und dann sein Leben.“ Von Demütigung und Entrechtung, von Vertreibung und Ermordung erzählen diese Tafeln; dass nicht selten die Nachkommen dabei sind, wenn sie verlegt werden, ist Inge Eberles Verdienst; Nachkommen, die oftmals nach Jahrzehnten Zugang finden zur eigenen Familiengeschichte und endlich aufarbeiten können, was verschüttet war. Die Söhne des letzten Gmünder Rabbiners etwa leben noch – und Inge Eberle hat Kontakt zum Jüngeren.
Vieles erlebt Inge Eberle bei ihrer Detektivarbeit – bis hin zum Ausruf „Endlich, endlich macht ihr etwas“ und zum Zulassen versöhnlicher Gedanken. So hat die Enkelin der ermordeten Kahns den festen Vorsatz aufgegeben, niemals deutschen Boden zu betreten. Bis wirklich allen Familien nachgespürt war, hat Inge Eberle ungezählte Stunden am Rechner, am Telefon, in Archiven verbracht. Unter anderem fuhr sie zur nun 94 Jahre alten Hildegard Neumaier, Witwe des Gmünder Juden Erwin Neumaier. Der bei dieser Begegnung entstandene Film wird an Erinnerungstagen gezeigt.
Die Schwiegereltern der alten Dame, Moses Max Neumaier und Rosine geborene Kahn, lebten in gutem Einvernehmen mit der Nachbarschaft, wie Autorin Ortrud Seidel in Erfahrung gebracht hat: „Man feierte Feste miteinander und lud sich gegenseitig ein. Frau Neumaier ist den früheren Nachbarn als eine liebe Frau in Erinnerung, die viel Gutes tat. Dazu gehörten auch regelmäßige Besuche bei den Gefangenen im damaligen Amtsgerichtsgefängnis, der heutigen Fuggerei.“ Auch Hildegard Neumaier erzählte davon: Ihre Schwiegermutter sei „eine Seele von Mensch“ gewesen, die geholfen habe, wo sie konnte, zu Kranken ging und für so viele ein freundliches Wort hatte. Moses Max und Rosine Neumaier wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie elend zu Grunde gingen. Vor der Rems-​Zeitung, Sebaldstraße 10, ihrer letzten selbstgewählten Adresse, erinnern ihre Namen an sie.
Sohn Erwin, 1903 geboren, war im Kindergarten St. Loreto, in der evangelischen Volksschule und in der Handelsschule. Im Gespräch mit Inge Eberle erzählte Hildegard Neumaier in ihrem Hamburger Wohnzimmer von längstvergessenen Freundschaften etwa zu Cousine Helle Rothschild, die ebenfalls überlebt hat und die sie nach dem Tod ihres Mannes in Tel Aviv besuchen konnte.
Nach seiner kaufmännische Lehre bei Eisen-​Buhl heiratete der junge Erwin eine Nicht-​Jüdin. Sein Schwiegervater, ein Parteifunktionär, veranlasste 1934 die Zwangsscheidung; seine Söhne durfte Erwin nicht mehr sehen. 1936 wurde er wegen Rassenschande zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, danach ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht; was die Häftlinge dort zu erdulden hatten, ist bekannt, wenngleich nicht wirklich vorstellbar. Erwin Neumaier versuchte einfach nur zu überleben — die Schläge, die Schwerstarbeit im Steinbruch, Hunger, schließlich Krankheit. Unterdessen baten Erwins Tanten Präsident Roosevelt persönlich um Hilfe. Vergeblich: Längst hatten die USA die Einreise der verfolgten Juden drastisch begrenzt. Erwins Schwester, rechtzeitig entkommen, konnte ihm schließlich aus Schanghai eine Schiffskarte schicken: „Na, Judenbengel, willst Du uns verlassen“, war wohl der schönste Satz, den Erwin Neumaier je gehört hat. Die Elendszeit in Schanghai während der japanischen Besatzung hat Ortrud Seidel beschrieben; Hildegard Neumaier weiß insbesondere um den Neuanfang in San Franzisko.
Das Affidavit, zwingend erforderlich für die Einreise in die USA, verdankte er Albert Einstein, der rund 400 dieser beglaubigten Bürgschaftserklärungen ausgestellt hat. Ob die beiden verwandt waren, wie die Witwe meint, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wohl aber, dass sie sich als Kinder gekannt und Jahrzehnte später noch einmal in New York getroffen haben. Glücklich wurde Erwin Neumaier in Amerika nicht. Und 1954 ging er wieder nach Deutschland zurück, wo er seine krebskranke erste Frau bis zu deren Tod pflegte. Erst 1979 heiratete er zum zweiten Mal. Zur Stolperstein-​Verlegung für die Neumaiers wünschte sich die Schwiegertochter, ihr Mann hätte das erleben können: „Doch bin ich auch dankbar, dass es gemacht wird.“
Warum sie nicht früher gegangen sind, die Gmünder Juden? Zum einen natürlich, weil sie sich nicht vorstellen konnten, wie schlimm es werden würde und weil sich Männer wie Rudolf Rothschild in der Bahnhofstraße, die im Ersten Weltkrieg für Tapferkeit vor dem Feind ausgezeichnet worden waren, so sicher wähnten. Rothschilds Tochter Alice – die in St. Ludwig zur Schule ging und im Kaufhaus „Meth“ gelernt hatte – erinnerte sich zeitlebens voller Kummer an ihren Abschied aus Gmünd. Und Erwin Neumaier kehrte jedes Jahr zumindest für kurze Zeit zurück, um Hildegard wieder und wieder seine Stadt zu zeigen und alles was sie ausmacht: „Über ihn habe auch ich diese Stadt lieben gelernt“. Der Dichter Theodor Kramer hat in einem später vertonten Gedicht („Andere, die das Land so sehr nicht liebten“) geschrieben, warum er nicht früher gegangen ist: „Ich doch müsste mit dem eignen Messer meine Wurzeln aus der Erde drehn.“

 

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