Samstag, 25. Juni 2016

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Lokalnachrichten

» Schwäbisch Gmünd | Mittwoch, 13. Januar 2010

Erste Soiree im Rathaus: Zusammenleben mit Muslimen, Fortschritte und Herausforderungen

Ohne Schwierigkeiten und Probleme aus dem Blick zu verlieren, machte Michael Blume gestern bei der ersten „Soiree im Rathaus“ vor allem Mut. Eine gute, eine starke Gmünder Gemeinschaft sei möglich, ein Gmünd, in dem Muslime wirklich ankommen. Und nicht zuletzt sind es wohl die kleinen Schritte, die zählen.

 
SCHWÄBISCH GMÜND (bt). OB Richard Arnold näherte sich dem Thema zunächst über die Bevölkerungsentwicklung – je jünger die Gmünder sind, desto mehr haben Migrationshintergrund. Ein Zukunftsthema also. Foren seien geschaffen worden, viele Möglichkeiten, miteinander umzugehen und sich kennen zu lernen; jetzt aber sei es Zeit, eine neue Stufe des Zusammenlebens anzugehen, und ein ganz zentraler Punkt sei die Moschee. In Deutschland habe man viel zu lange die Augen verschlossen, nicht gesehen, dass Menschen integriert werden wollten und sollten: „Wir müssen jetzt offen miteinander umgehen“.
Bilal Dincel, der im Namen der muslimischen Gmünder sprach, hatte genau das selbe Anliegen: „Angst hat man nur vor Dingen, die man nicht kennt“. Es gebe gute Gespräche, friedlichen und freundschaftlichen Umgang. Gmünd stehe nicht ganz am Anfang. Aber Integration funktioniere „nicht einfach so“: „Wir müssen sie organisieren und dafür arbeiten“. In der Mosche werde es deshalb nur zu einem Viertel um religiöse Inhalte gehen; Schwerpunkt seien kulturelle, soziale und gesellschaftliche Aufgaben.
Der Gastredner Dr. Michael Blume, Religionswissenschaftler und Ehrenvorstand der Christlich-​Islamischen Gesellschaft (CIG) Region Stuttgart, erklärte mit einem abgewandelten Schäuble-​Zitat, der Islam sei Teil der Stadt Schwäbisch Gmünd in all ihrer Vielfalt, sei Teil ihrer Gegenwart und ihrer Zukunft. Rund 80 Prozent der Kinder in muslimischen Familien seien Deutsche, damit sei der Islam keine Religion von Ausländern. In diesem Zusammenhang zitierte er aus Studien, die belegten, dass nicht „die Türken“ mehr Kinder hätten als die Deutschen, sondern die religiösen Familien überall auf der Welt viel höhere Geburtsraten als die weltlicheren. Auch aus der Türkei würden stark rückläufige Tendenzen gemeldet.
Früher habe es zwischen Christen und Muslimen, zwischen Deutschen und Ausländern wenig Kontakt gegeben, was wohl beiden Seiten recht gewesen sei, nun aber sei der Islam unwiderruflich zu einem Teil der Gesellschaft geworden. Blume ging auf die „realen Ängste der Menschen“ ein, mit viel Humor, ohne jemals herablassend zu sein. Insbesondere ältere Menschen und diejenigen, die keine oder wenig Begegnungen mit dem Fremden hätten, fürchten sich demzufolge.
Das große Problem sei die Einkommensverteilung und der Bildungsstand: „Wir haben Arbeiter geholt“. In den USA etwa hätten Türken einen ganz anderen Bildungsgrad, ein nicht zu vergleichendes soziales Prestige. Die Aufstiegsmöglichkeit werde so zu einer ganz wichtigen Ressource: „Ich habe größte Bewunderung, für die, die es hier schaffen“.
Die Botschaft sei nämlich vielfach: „Ihr schafft es in Deutschland nicht und nicht Europa“; viele Jungen – nicht zuletzt die „Aufsteiger“, Studierende etwa –, würden gar nicht erreicht, sähen keine Möglichkeit, wirklich anzukommen. Aus eigenem Erleben schilderte Blume, wie leicht junge Leute zum Extremismus verleitet werden könnten. Eine offene Moschee könne ihnen Halt und Orientierung geben: „Wenn sie nichts über ihre Religion wissen, kann man ihnen alles erzählen“.
Am Beispiel des Sommermärchens Fußballweltmeisterschaft erklärte er auf der anderen Seite, wie unglaublich viel durch positive Signale bewirkt werden könne; auch Vereine seien ein stabilisierender Faktor. Nicht unterschätzt werden dürften kleine, fast symbolische Schritte: Wie sehr habe es einen Freund, seit langem Deutscher, Träger des Bundesverdienstkreuzes und vielfach engagiert, gekränkt, an den „Ausländerbeauftragten“ verwiesen zu werden; andererseits hätten sich Muslime die Glückwünsche eines Oberbürgermeisters an „die lieben Mitbürger zum Ramadan“ ausgeschnitten und an die Wand geklebt. Insgesamt drei große Aufgaben sah der Referent: Bildung, vor allem. Dann „mehr Kinder“, sprich, vor allem Kinder, die sich begegnen, Stadtbezirke, in denen Menschen zusammenbleiben. Dritter Punkt: „Akzeptanz statt Toleranz“; es dürfe „nicht egal sein was in einer Moschee geschieht“. „Die meisten Menschen auf der Welt wollen in Frieden und Freiheit zusammenleben; sie müssen wir zu Verbündeten machen“. In einer regen Diskussion ließ sich Dekan Nau von den Erfahrungen mit islamischem Religionsunterricht berichten; dieser habe die Erwartungen weit übertroffen, so Blume, auch weil die Kinder lernten, sich aufeinander einzulassen. Manfred Köhnlein bat um mehr Internationalität in der Stadtverwaltung, verständlichere Formulare und mehr „Frauenarbeit“, um den Spracherwerb der Kleinsten zu befördern. Klaus Dengler ließ sich dann, durchaus kritisch, mehr über die Moschee erzählen (die RZ wird berichten). Die Veranstaltung wurde vom Gitarrenduo Theresa Mattes und Niels Pfeffer sowie dem Saz-​Duo Bülent und Birgül Gazeloglu des alevitischen Kulturvereins umrahmt, die deutlich machten, dass sich Musik am allerwenigsten an Grenzen orientiert.
 

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» Schwäbisch Gmünd | Mittwoch, 13. Januar 2010

Erste Soiree im Rathaus: Zusammenleben mit Muslimen, Fortschritte und Herausforderungen

Ohne Schwierigkeiten und Probleme aus dem Blick zu verlieren, machte Michael Blume gestern bei der ersten „Soiree im Rathaus“ vor allem Mut. Eine gute, eine starke Gmünder Gemeinschaft sei möglich, ein Gmünd, in dem Muslime wirklich ankommen. Und nicht zuletzt sind es wohl die kleinen Schritte, die zählen.

 
SCHWÄBISCH GMÜND (bt). OB Richard Arnold näherte sich dem Thema zunächst über die Bevölkerungsentwicklung – je jünger die Gmünder sind, desto mehr haben Migrationshintergrund. Ein Zukunftsthema also. Foren seien geschaffen worden, viele Möglichkeiten, miteinander umzugehen und sich kennen zu lernen; jetzt aber sei es Zeit, eine neue Stufe des Zusammenlebens anzugehen, und ein ganz zentraler Punkt sei die Moschee. In Deutschland habe man viel zu lange die Augen verschlossen, nicht gesehen, dass Menschen integriert werden wollten und sollten: „Wir müssen jetzt offen miteinander umgehen“.
Bilal Dincel, der im Namen der muslimischen Gmünder sprach, hatte genau das selbe Anliegen: „Angst hat man nur vor Dingen, die man nicht kennt“. Es gebe gute Gespräche, friedlichen und freundschaftlichen Umgang. Gmünd stehe nicht ganz am Anfang. Aber Integration funktioniere „nicht einfach so“: „Wir müssen sie organisieren und dafür arbeiten“. In der Mosche werde es deshalb nur zu einem Viertel um religiöse Inhalte gehen; Schwerpunkt seien kulturelle, soziale und gesellschaftliche Aufgaben.
Der Gastredner Dr. Michael Blume, Religionswissenschaftler und Ehrenvorstand der Christlich-​Islamischen Gesellschaft (CIG) Region Stuttgart, erklärte mit einem abgewandelten Schäuble-​Zitat, der Islam sei Teil der Stadt Schwäbisch Gmünd in all ihrer Vielfalt, sei Teil ihrer Gegenwart und ihrer Zukunft. Rund 80 Prozent der Kinder in muslimischen Familien seien Deutsche, damit sei der Islam keine Religion von Ausländern. In diesem Zusammenhang zitierte er aus Studien, die belegten, dass nicht „die Türken“ mehr Kinder hätten als die Deutschen, sondern die religiösen Familien überall auf der Welt viel höhere Geburtsraten als die weltlicheren. Auch aus der Türkei würden stark rückläufige Tendenzen gemeldet.
Früher habe es zwischen Christen und Muslimen, zwischen Deutschen und Ausländern wenig Kontakt gegeben, was wohl beiden Seiten recht gewesen sei, nun aber sei der Islam unwiderruflich zu einem Teil der Gesellschaft geworden. Blume ging auf die „realen Ängste der Menschen“ ein, mit viel Humor, ohne jemals herablassend zu sein. Insbesondere ältere Menschen und diejenigen, die keine oder wenig Begegnungen mit dem Fremden hätten, fürchten sich demzufolge.
Das große Problem sei die Einkommensverteilung und der Bildungsstand: „Wir haben Arbeiter geholt“. In den USA etwa hätten Türken einen ganz anderen Bildungsgrad, ein nicht zu vergleichendes soziales Prestige. Die Aufstiegsmöglichkeit werde so zu einer ganz wichtigen Ressource: „Ich habe größte Bewunderung, für die, die es hier schaffen“.
Die Botschaft sei nämlich vielfach: „Ihr schafft es in Deutschland nicht und nicht Europa“; viele Jungen – nicht zuletzt die „Aufsteiger“, Studierende etwa –, würden gar nicht erreicht, sähen keine Möglichkeit, wirklich anzukommen. Aus eigenem Erleben schilderte Blume, wie leicht junge Leute zum Extremismus verleitet werden könnten. Eine offene Moschee könne ihnen Halt und Orientierung geben: „Wenn sie nichts über ihre Religion wissen, kann man ihnen alles erzählen“.
Am Beispiel des Sommermärchens Fußballweltmeisterschaft erklärte er auf der anderen Seite, wie unglaublich viel durch positive Signale bewirkt werden könne; auch Vereine seien ein stabilisierender Faktor. Nicht unterschätzt werden dürften kleine, fast symbolische Schritte: Wie sehr habe es einen Freund, seit langem Deutscher, Träger des Bundesverdienstkreuzes und vielfach engagiert, gekränkt, an den „Ausländerbeauftragten“ verwiesen zu werden; andererseits hätten sich Muslime die Glückwünsche eines Oberbürgermeisters an „die lieben Mitbürger zum Ramadan“ ausgeschnitten und an die Wand geklebt. Insgesamt drei große Aufgaben sah der Referent: Bildung, vor allem. Dann „mehr Kinder“, sprich, vor allem Kinder, die sich begegnen, Stadtbezirke, in denen Menschen zusammenbleiben. Dritter Punkt: „Akzeptanz statt Toleranz“; es dürfe „nicht egal sein was in einer Moschee geschieht“. „Die meisten Menschen auf der Welt wollen in Frieden und Freiheit zusammenleben; sie müssen wir zu Verbündeten machen“. In einer regen Diskussion ließ sich Dekan Nau von den Erfahrungen mit islamischem Religionsunterricht berichten; dieser habe die Erwartungen weit übertroffen, so Blume, auch weil die Kinder lernten, sich aufeinander einzulassen. Manfred Köhnlein bat um mehr Internationalität in der Stadtverwaltung, verständlichere Formulare und mehr „Frauenarbeit“, um den Spracherwerb der Kleinsten zu befördern. Klaus Dengler ließ sich dann, durchaus kritisch, mehr über die Moschee erzählen (die RZ wird berichten). Die Veranstaltung wurde vom Gitarrenduo Theresa Mattes und Niels Pfeffer sowie dem Saz-​Duo Bülent und Birgül Gazeloglu des alevitischen Kulturvereins umrahmt, die deutlich machten, dass sich Musik am allerwenigsten an Grenzen orientiert.