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» Schwäbisch Gmünd | Dienstag, 29. April 2014

Für Dinge einstehen, die es wert sind: Als gläubiger Muslim arbeitet Musa Ceesay ehrenamtlich für die Aids-​Hilfe

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Musa Ceesay mag Frauen. Dass er sich in Gambia für das Lebensrecht von Schwulen und Lesben einsetzte, ist nur eines von vielen Anliegen, die in Gefängnis, Schmerz und schließlich in die Flucht mündeten. In Gmünd arbeitet er ehrenamtlich unter anderem für die Aids-​Hilfe.


SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Musa Ceesay wollte Soldat werden, am liebsten als „Peacekeeper“ in einer Friedenstruppe – er fand, das sei ein wunderbarer Beruf. Seine Familie hat’s ihm ausgeredet: Viel zu gefährlich. Aber sie hat ihn auch Dinge gelehrt, für die er einstehen wollte – Frieden, so führt er die Philosophie der Peacekeeper weiter, ist mehr als die Abwesenheit von Krieg und Hunger. Er begann sich für die grundlegenden Menschenrechte zu interessieren. Sein Boss – er begann gleich nach der Schule in der Rezeption eines Hotels zu arbeiten –, brachte ihn zur Oppositionspartei, der NRP, die ihm als Fulbe offenstand. Eine andere Partei, die ihm ebenfalls zusagte, nimmt nur Mandinka auf, die die größte Bevölkerungsgruppe stellt. Das Gambia seiner Jugend ist freilich ein Land des friedlichen Miteinanders der unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gruppen.
Musa Ceesay ist gläubiger Muslim, was für ihn in keinerlei Widerspruch steht zum Leben in einer friedlichen Gemeinde, zum Bemühen, „sich mit glücklichen Menschen zu umgeben“. Als Kandidat einer Oppositionspartei lernte er, dass nicht alle das so sehen. Bei der Wahl 2007, bei der er als Kandidat antrat – Wahllokal war ausgerechnet seine alte Schule –, marschierten Bewaffnete der Regierungspartei auf, der Strom fiel für gut eine halbe Stunde aus, während der es wohl keinerlei Kontrolle der Wahlurnen gab. Musa Ceesay sagt, er habe in keiner Weise versucht, seine Wahlniederlage an diesem Tag in irgend einer Form anzufechten – er habe freilich auch nicht unterschrieben, dass die Wahl seines politischen Gegners rechtmäßig war. Das allein genügte, ihn ins Visier des politischen Gegners geraten zu lassen. Er wurde mehrfach einbestellt und verhört, wegen versuchter Verschwörung gegen die Regierung angeklagt und schließlich zu einer elfmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Gefoltert wurde nicht, sagt er – aber, mit Blick auf eine hässliche Narbe an seinem Bein, meint er, dadurch, dass es keine medizinische Versorgung gegeben habe, hätten oft auch kleinere Wunden großen Ärger gemacht.
Nach der Haft beschwor ihn die Familie, die ihm sehr wichtig war und ist, Ruhe zu geben. Er hat’s wirklich versucht. Und vieles in seinem Land, von Aids-​Bekämpfung und Malaria-​Kontrolle bis hin zum Bildungssystem ist im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten vorbildlich. Aber das Klima verschärfte sich. Amnesty International rügte mehrfach die Menschenrechtslage in Gambia; der Präsident selbst erklärte 2012 öffentlich, Schwule und Lesben würden in Gambia nicht akzeptiert, man müsse ihnen den Kopf abschneiden. Das geht einfach nicht, sagt Musa.
Selbst wenn man die Menschenrechte außer acht ließe, Anstand, das, was für ihn richtig und wichtig ist: „Gambia lebt zu einem nicht geringen Anteil vom Tourismus; niemand reist dort hin, wenn er dort um sein Leben fürchten muss oder allgegenwärtigen Terror sieht.“ Was er sagte, führte wieder und wieder zu Ärger. Er sei wohl selbst schwul hieß es. Und: Er verschwöre sich wieder. Er kniete einen Tag lang mit erhobenen Armen auf aufgerautem Beton. Wieder wurde Anklage erhoben. Dem Familienanwalt gelang es, Kaution zu stellen und dem jungen Mann klar zumachen, dass er außer Landes müsse. Sofort. In einem Lkw ging’s nach Senegal, das Gambia von einem kleinen Küstenabschnitt abgesehen vollständig umschließt und einen Auslieferungsvertrag hat mit Gambia. Heimlich also.
Heimat und Familie verlassen
– auf zu neuen Ufern
Und jetzt ist er in Deutschland, weil er in Heilbronn Verwandtschaft hat. Da war er mittlerweile öfter: Aber Gmünd gefällt ihm viel besser. „Hier könnte ich Wurzeln schlagen.“ Ob er sich für die Landesgartenschau einbringt? Was für eine Frage: „Ja, natürlich“. Er mag die Stadt, die ihn freundlich empfangen habe. Und ein Tag ohne Arbeit, ohne Aufgabe sei lang. Er ist dankbar, dass er hier sicher ist, dass ihm so viele Chancen gegeben sind. Er lernt an der Volkshochschule Deutsch – seine Fortschritte sind beachtlich für einen, der erst im August ins Land kam. Als Ehrenamtlicher in der Aids-​Hilfe übernimmt er Botengänge und hilft bei Präventionsveranstaltungen. In der vergangenen Woche schickte ihn die Aids-​Hilfe Schwäbisch Gmünd drei Tage auf ein Grundlagenseminar der Deutschen Aids-​Hilfe, von dem er mit einem vollgeschriebenen Schnellhefter und Dutzenden Fragen zurückkam. Die Arbeit macht ihm Freude, er kann sich gut vorstellen, dass ihm als Muslim in der HIV-​Prävention andere Türen offenstehen. Und Joschi Moser, Vorsitzender der Aids-​Hilfe ist dankbar. Er lobt den neuen Mitarbeiter als „sehr, sehr höflich, zuvorkommend und respektvoll im Umgang mit allen, denen er begegnet“. „Musa ist wohlerzogen und vor allem ein selten werten voller Mensch.“ Ein Gewinn für die, die mit leben und arbeiten, davon ist Moser überzeugt.
 

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Musa Ceesay mag Frauen. Dass er sich in Gambia für das Lebensrecht von Schwulen und Lesben einsetzte, ist nur eines von vielen Anliegen, die in Gefängnis, Schmerz und schließlich in die Flucht mündeten. In Gmünd arbeitet er ehrenamtlich unter anderem für die Aids-​Hilfe.


SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Musa Ceesay wollte Soldat werden, am liebsten als „Peacekeeper“ in einer Friedenstruppe – er fand, das sei ein wunderbarer Beruf. Seine Familie hat’s ihm ausgeredet: Viel zu gefährlich. Aber sie hat ihn auch Dinge gelehrt, für die er einstehen wollte – Frieden, so führt er die Philosophie der Peacekeeper weiter, ist mehr als die Abwesenheit von Krieg und Hunger. Er begann sich für die grundlegenden Menschenrechte zu interessieren. Sein Boss – er begann gleich nach der Schule in der Rezeption eines Hotels zu arbeiten –, brachte ihn zur Oppositionspartei, der NRP, die ihm als Fulbe offenstand. Eine andere Partei, die ihm ebenfalls zusagte, nimmt nur Mandinka auf, die die größte Bevölkerungsgruppe stellt. Das Gambia seiner Jugend ist freilich ein Land des friedlichen Miteinanders der unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gruppen.
Musa Ceesay ist gläubiger Muslim, was für ihn in keinerlei Widerspruch steht zum Leben in einer friedlichen Gemeinde, zum Bemühen, „sich mit glücklichen Menschen zu umgeben“. Als Kandidat einer Oppositionspartei lernte er, dass nicht alle das so sehen. Bei der Wahl 2007, bei der er als Kandidat antrat – Wahllokal war ausgerechnet seine alte Schule –, marschierten Bewaffnete der Regierungspartei auf, der Strom fiel für gut eine halbe Stunde aus, während der es wohl keinerlei Kontrolle der Wahlurnen gab. Musa Ceesay sagt, er habe in keiner Weise versucht, seine Wahlniederlage an diesem Tag in irgend einer Form anzufechten – er habe freilich auch nicht unterschrieben, dass die Wahl seines politischen Gegners rechtmäßig war. Das allein genügte, ihn ins Visier des politischen Gegners geraten zu lassen. Er wurde mehrfach einbestellt und verhört, wegen versuchter Verschwörung gegen die Regierung angeklagt und schließlich zu einer elfmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Gefoltert wurde nicht, sagt er – aber, mit Blick auf eine hässliche Narbe an seinem Bein, meint er, dadurch, dass es keine medizinische Versorgung gegeben habe, hätten oft auch kleinere Wunden großen Ärger gemacht.
Nach der Haft beschwor ihn die Familie, die ihm sehr wichtig war und ist, Ruhe zu geben. Er hat’s wirklich versucht. Und vieles in seinem Land, von Aids-​Bekämpfung und Malaria-​Kontrolle bis hin zum Bildungssystem ist im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten vorbildlich. Aber das Klima verschärfte sich. Amnesty International rügte mehrfach die Menschenrechtslage in Gambia; der Präsident selbst erklärte 2012 öffentlich, Schwule und Lesben würden in Gambia nicht akzeptiert, man müsse ihnen den Kopf abschneiden. Das geht einfach nicht, sagt Musa.
Selbst wenn man die Menschenrechte außer acht ließe, Anstand, das, was für ihn richtig und wichtig ist: „Gambia lebt zu einem nicht geringen Anteil vom Tourismus; niemand reist dort hin, wenn er dort um sein Leben fürchten muss oder allgegenwärtigen Terror sieht.“ Was er sagte, führte wieder und wieder zu Ärger. Er sei wohl selbst schwul hieß es. Und: Er verschwöre sich wieder. Er kniete einen Tag lang mit erhobenen Armen auf aufgerautem Beton. Wieder wurde Anklage erhoben. Dem Familienanwalt gelang es, Kaution zu stellen und dem jungen Mann klar zumachen, dass er außer Landes müsse. Sofort. In einem Lkw ging’s nach Senegal, das Gambia von einem kleinen Küstenabschnitt abgesehen vollständig umschließt und einen Auslieferungsvertrag hat mit Gambia. Heimlich also.
Heimat und Familie verlassen
– auf zu neuen Ufern
Und jetzt ist er in Deutschland, weil er in Heilbronn Verwandtschaft hat. Da war er mittlerweile öfter: Aber Gmünd gefällt ihm viel besser. „Hier könnte ich Wurzeln schlagen.“ Ob er sich für die Landesgartenschau einbringt? Was für eine Frage: „Ja, natürlich“. Er mag die Stadt, die ihn freundlich empfangen habe. Und ein Tag ohne Arbeit, ohne Aufgabe sei lang. Er ist dankbar, dass er hier sicher ist, dass ihm so viele Chancen gegeben sind. Er lernt an der Volkshochschule Deutsch – seine Fortschritte sind beachtlich für einen, der erst im August ins Land kam. Als Ehrenamtlicher in der Aids-​Hilfe übernimmt er Botengänge und hilft bei Präventionsveranstaltungen. In der vergangenen Woche schickte ihn die Aids-​Hilfe Schwäbisch Gmünd drei Tage auf ein Grundlagenseminar der Deutschen Aids-​Hilfe, von dem er mit einem vollgeschriebenen Schnellhefter und Dutzenden Fragen zurückkam. Die Arbeit macht ihm Freude, er kann sich gut vorstellen, dass ihm als Muslim in der HIV-​Prävention andere Türen offenstehen. Und Joschi Moser, Vorsitzender der Aids-​Hilfe ist dankbar. Er lobt den neuen Mitarbeiter als „sehr, sehr höflich, zuvorkommend und respektvoll im Umgang mit allen, denen er begegnet“. „Musa ist wohlerzogen und vor allem ein selten werten voller Mensch.“ Ein Gewinn für die, die mit leben und arbeiten, davon ist Moser überzeugt.
 

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