Dein Datenschutz, unsere Aufgabe.

Zur Darstellung unserer Inhalte als Google AMP-Seite brauchen wir deine Zustimmung. Google wird damit erlaubt, Cookies und andere Technologien zu verwenden, um personenbzogene Daten von dir zu speichern und zu verarbeiten sowie Werbung entsprechend deiner Interessen anzuzeigen. In der Klassikansicht unserer Webseite erfolgt kein Tracking durch Google.

Ausführlichen Datenschutzhinweis anzeigen
Die AMP-Ansicht nutzt zusätzlich Google AdSense, einen Online-Werbedienst der Google Inc. („Google“). Google AdSense verwendet sog. „Cookies“ und „WebBeacons“, die eine Analyse der Website-Nutzung ermöglichen. Durch das Weiternutzen stimmst du der Verarbeitung der zu Ihrer Person erhobenen Daten durch Google zu.

Marginalie: Knochen, die die Welt bedeuteten

Schwäbisch Gmünd

Grafik: Archiv

Vor ein paar Wochen war an dieser Stelle zu lesen, dass im Mutlanger Stauferklinikum eine Reliquie aus der Gmünder Herrgottsruhkapelle durch eine Computertomographie untersucht wurde. Wie sich herausstellte, enthielt das Holzkästchen die Schädeldecke eines Kindes, möglicherweise eines jungen Mädchens. Angeblich soll es sich dabei um eine Reliquie der heiligen Ursula handeln, die in Köln das Martyrium erlitten haben soll. Zumindest bezeugt dies ein Seidenband, mit dem das Knochenstück umwickelt ist. Wie aber kam das Knochenstück nach Schwäbisch Gmünd?

Sonntag, 14. August 2022
Franz Graser
128 Sekunden Lesedauer

Ursula und ihre 11 000 Gefährtinnen sollen sich laut der Heiligenlegende auf einer Pilgerfahrt befunden haben: Als sie auf der Reise versuchten, nach Köln zu gelangen, wurden sie der Legende zufolge von den Hunnen getötet worden sein, die irgendwann gegen Ende des vierten Jahrhunderts die Stadt belagerten.

Auch wenn man heute mit Recht bezweifeln darf, dass sich diese Begebenheit so zu getragen hat: Die Heilige wurde im Mittelalter hoch verehrt. Die Geschichte ihres Lebens und ihres Martyriums wurde immer wieder neu erzählt und ausgeschmückt. Ein katholischer Frauenorden, die sogenannten Ursulinen, wurde nach der Kölner Stadtheiligen benannt. Kein Geringerer als das venezianische Renaissance-​Genie Vittore Carpaccio — das gleichnamige Gericht wurde erst Jahrhunderte später in „Harry’s Bar“ am Markusplatz erfunden — widmete der jugendlichen Märtyrerin einen großformatigen Gemäldezyklus, der heute in der Galleria dell’ Accademia in Venedig zu sehen ist.

Um so mehr stellt sich die Frage: Wie kam eine so prominente Reliquie nach Schwäbisch Gmünd? Aufzeichnungen dazu gibt es nicht. Dass es im Mittelalter einen schwunghaften Handel mit den sterblichen Überresten von Heiligen gab, steht aber außer Frage. Auch kriegerische Auseinandersetzungen wurden nicht zuletzt mit dem Zweck geführt, hochrangige Reliquien zu erwerben. So wechselten nach der Eroberung der Stadt Mailand im Jahr 1162 durch den Stauferkaiser Friedrich Barbarossa die Überreste der Heiligen Drei Könige den Besitzer. Die Reliquien wanderten nach Köln, wo sie bis heute im Dom verehrt werden.

Und hier wird’s interessant: Gemäß einer Überlieferung haben die Heiligen Drei Könige bei ihrer Überführung an den Rhein für eine Nacht in Schwäbisch Gmünd Station gemacht. An der „Grät“, den historischen Rat– und Kaufhaus der Stadt, befindet sich ein Relief, das an diese Begebenheit erinnert. Die damals noch junge Stauferstadt dürfte aus diesem Ereignis, wenn es sich denn so zugetragen hat, beträchtliches Prestige gezogen haben.

Zugleich aber kann man sich durchaus vorstellen, dass sich die Kölner für diese Übernachtung der Heiligen Drei Könige in Gmünd erkenntlich zeigten. Knochenmaterial der heiligen Ursula und ihrer Gefährtinnen gab es ja genug, wie in der sogenannten Goldenen Kammer in Köln zu sehen ist, in der die Wände mit Knöchelchen aller Art gepflastert sind.

Und so ist es immerhin denkbar, dass zum Dank für die sichere Verwahrung der künftigen Kölner Stadtreliquien eine kleine Anerkennung nach Gmünd gewandert ist. Ob es dabei nun die Schädeldecke der Heiligen Ursula selbst war oder ob eine der 11 000 Begleiterinnen aus ihrem Gefolge zerteilt wurde, hat man damals wahrscheinlich nicht so genau genommen. Und ob es feste Wechselkurse gab, also wie viele Knochenstücke für einen Tag Aufenthalt als angemessen gelten konnten, lässt sich heute auch nicht mehr sicher rekonstruieren. (Hans Riedl)