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Schau in der Ott-​Pauserschen Fabrik: „Weltpatente aus Schwäbisch Gmünd. Das Unternehmen Erhard und Söhne.“

Industriegeschichte kann spannend sein. Aus Gmünd kommt ein Kapitel, in dem Innovation und gestalterische Kompetenz ein einzigartiges, für die Stadt ungemein befruchtendes Zusammenspiel eingehen: die Firma Erhard & Söhne. Ihr gilt die nächste Ausstellung des Museums (bis 18. Oktober). Von Reinhard Wagenblast

Freitag, 26. Juni 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 54 Sekunden Lesedauer

AUSSTELLUNG. Sie besteht aus 300 Exponaten, die in der Ott-​Pauserschen Fabrik aufgebaut sind. Es könnten viel mehr sein: Allein vom ab 1938 herausgebrachten Schleuderascher wurden in einer Myriade von Varianten 14 Millionen Stück hergestellt. Auch der Unimog, eine mit dem Namen Erhard verbundene Erfindung aus Schwäbisch Gmünd, ist in der Ausstellung vertreten: ein Typ 401, Baujahr 1955, Höchstgeschwindigkeit 58 km/​h. Er gehört allerdings nicht zu den kunstgewerblichen Arbeiten, ebensowenig wie der matt glänzende Lkw-​Stahltank aus jüngster Erhard-​Produktion.

Die Firma Erhard & Söhne, 1844 in noch fast präindustrieller Zeit gegründet, gehört zu den herausragenden Produktionsstätten in Schwäbisch Gmünd. Heuer 165 Jahre bestehend, ist sie das älteste noch produzierende Unternehmen und außerdem der einzige Familienbetrieb seit nunmehr sechs Generationen. Das Hauptaugenmerk lag in all dieser Zeit auf der Metallverarbeitung. Die Verbindung von Kunstgewerbe, Technik und Forschung führte zu innovativen Entwicklungen von internationaler Bedeutung. Über all die Jahre hinweg konzentrierte sich die Produktion auf die Konstruktion und Gestaltung verschiedenster Beschläge und Behälter. Der Erfolg des Unternehmens gründete sich auf seine technische Kompetenz bei der Verformung und der Verbindung von Metall, vor allem Messing: Biegen, Formen, Schweißen, Löten und Gießen. Dies half in Krisenzeiten – es spielte keine Rolle, ob es sich um Kassetten, Thermoskannen oder Kraftstoffbehälter handelte. Oder, nicht zu vergessen: Kanister, Geschossbehälter und Flugzeugbleche. Der Zweite Weltkrieg stellte eine Zäsur dar: die Produktion von kunstgewerblichem Hausgerät nahm ab, und seit 2004 konzentriert sich Erhard ausschließlich auf die Herstellung von Teilen für den Fahrzeugbau. Noch früher, in der Zeit von 1900 bis 1920, vollzog sich die Entwicklung weg von den im Historismus gestalteten Objekten hin zum modernen Industriedesign. Mit Erhard verbunden ist vor allem der Name des Designers Wolfgang von Wersin. Manchmal verband sich noch beides: moderner Schleuderascher mit historistischem Holbein-​Dekor in Messing.

Schleuderascher (eine Erfindung von Georg Katz, 1938), Rauchergarnituren, Kassetten, Thermolord-​Thermoskannen findet man heute noch in vielen Gmünder Haushalten. So schön und gut erhalten wie die Ausstellungsstücke dürften sie indes nur selten sein, und die Zeitspanne von 1850 bis in die Gegenwart umfassen sie schon gar nicht. Sie stammen aus einer Schenkung von Dr. Heinz Erhard, dem Ur-​Urenkel des Firmengründers Carl Gottlob Erhard, und seiner Frau, und aus dem Privatbesitz weiterer Liebhaber. Auch der berühmte Erhard-​Löwe, heute noch in reduzierter Formensprache das Firmensignet, wird auf seine Ursprünge zurückgeführt: Es handelt sich um ein Aquamanile, eine Kanne, aus der Zeit um 1400 im Germanischen Nationalmuseum. Die Löwen-​Kanne blieb 100 Jahre in der Erhard-​Produktion, zuletzt in der Funktion einer plastischen Zigarrenlampe.

Erhard galt als die „Gmünder Probieranstalt“. Was spöttisch gemeint war, gereichte der Firma zur Ehre: Sie erlangte 200 Patente, darunter einige Weltpatente. Nicht zuletzt jenes für die Herstellung von Messingintarsien, die vorwiegend mit Holz verbunden wurden.

Von Beginn an gingen bei Erhard & Söhne Erfindung, Gestaltung und technische Ausführung Hand in Hand. Gewerbe, Kunstgewerbemuseum und Gewerbeschule verschränken sich in dieser Firmengeschichte. Für Erhard arbeiteten Entwerfer, die Lehrer an der Gmünder Gewerbeschule waren. Bis in die Zeiten der Fachhochschule geht dies fort: Alfred Lutz gestaltete in den 70er-​Jahren Verpackungen für Erhard, und er entwarf auch den Katalog und die Ausstellungsgestaltung in den sieben Räumen der Ott-​Pauserschen-​Fabrik: „Ein fröhliches Erlebnis, ich hab’s von Herzen gern gemacht“. Und auf die Bauhaus-​Devise geachtet: „Weniger ist mehr.“ Es kommt der Schau zugute. Besonders eng geknüpft ist die Beziehung zum Museum, das 1876 von Gmünder Fabrikanten gegründet wurde. Vor allem Julius Erhards Kunstsammlung stellt bis heute einen wichtigen Eckpfeiler des Gmünder Museums dar.

So schließt sich der Kreis. Denn historisch ist das Gezeigte schon geworden. Selbst der Schleuderascher gehört einer Epoche an, in der alle so qualmten wie Helmut Schmidt heute noch. Der Katalog zeigt den Kanzler in einer Aufnahme von 1976 am Schreibtisch. Auf dem steht selbstverständlich eine Erhard-​Rauchergarnitur aus Schwäbisch Gmünd.



Eröffnung: Di, 30. Juni, 19 Uhr in der Ott-​Pauserschen Fabrik. Es sprechen Bürgermeister Joachim Bläse, Dr. Heinz Erhard, Alexander Kögel, Gabriele Holthuis

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