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Der Basler Kunsthistoriker Bodo Brinkmann zu Baldungs Schöpfungsbild

Das Schöpfungsbild von Hans Baldung Grien aus dem Angermuseum Erfurt ist „ein ziemliches Rätsel“ und in vielerlei Art eine Besonderheit. Dies machte der Kunsthistoriker Bodo Brinkmann deutlich.

Freitag, 03. Juli 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 46 Sekunden Lesedauer

KUNST (kei). Dr. Bodo Brinkmann, Leiter der Abteilung Kunst des 15. bis 18. Jahrhunderts am Kunstmuseum Basel, hat am vergangenen Donnerstag in seinem gut besuchten Vortrag im Prediger gleich zu Beginn deutlich gemacht, dass die Besonderheit dieses Bildes nicht nur das höchst ungewöhnliche Format von 0,65 auf 2 Meter ausmacht, sondern mehr noch die Darstellung des Themas der Schöpfung. Dies gilt für das eher altertümliche Miteinander von vier Szenen der biblischen Schöpfungsgeschichte.
Dabei ist dies Thema, so Dr. Brinkmann, sonst nur zweimal auf Altarretabeln dargestellt, auf Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ und auf dem Petri-​Altar des Meisters Bertram von Minden in Hamburg. Anhand der Bilder des Petri-​Altars und verschiedener Bilder aus illuminierten Handschriften wie der Wenzelsbibel wurde die Besonderheit der Bilderfindung Baldungs rasch deutlich, der sich mehr als viele andere Künstler an die biblische Erzählung hält.
Mit Blick auf das familiäre Umfeld des Künstlers Hans Baldung, der anders als die anderen berühmten Malerzeitgenossen nicht aus einer Handwerker– sondern aus einer Gelehrtenfamilie stammt, zeigte Dr. Brinkmann in seinem Vortrag, dass der Künstler wohl die Schrift des Agrippa von Nettesheim, einer der bedeutenden humanistischen Gelehrten „zum Lob des weiblichen Geschlechts“ gekannt habe, in der Eva als das vollkommenere Ebenbild des Schöpfers beschrieben werde.
In Baldungs Bild zeige sich dies in der Körpersprache von Adam und Eva: während Adam sich mit betenden Händen demütig seinem Schöpfer zuneige (gewissermaßen in vorauseilendem Gehorsam), greife Eva beherzt dem Schöpfer in den Bart, was auch andeute, Eva stehe Gott näher als Adam, der eher der Erde zugeneigt sei, während für Eva dies das Leben sei. Ein derartiges Bild gibt es, so Dr. Brinkmann, sonst nicht.
Auch wenn berücksichtigt werde, dass Agrippa seine Schrift nicht zuletzt geschrieben habe, um Margarete von Oesterreich (die Tochter Kaiser Maximilians) günstig zu stimmen, um in deren Dienst treten zu können, sei der Einfluss dieser Schrift auf Baldungs Darstellung der Erschaffung der Menschen anzunehmen. Dafür spricht aus der Sicht von Dr. Brinkmann auch das Bild „Eva, die Schlange und der Tod“, das heute in der Kanadischen Nationalgalerie in Ottawa gezeigt werde.
Anders als in anderen Bildern Baldungs mit diesem Motiv sei davon auszugehen, dass da Adam und der Tod zu einer Gestalt verbunden seien. Während Eva, hier in fast überirdischer Schönheit gemalt, und die noch teilweise mit Fleisch bedeckte männliche Figur je eine Frucht vom verbotenen Baum in Händen hielten, beiße die Schlange hier in den Arm des Mannes, der seinerseits Evas Arm fasse. Auch das Einbeziehen des Einhorns in das Erfurter Bild (das ja auch das Wappen der Familie des Künstlers ist) bestärke die Überlegungen zu Eva. Denn das Einhorn, dessen Horn genau auf die linke Hand des Schöpfers zeige, werde sonst vielfach in Verbindung mit Maria dargestellt, der neuen Eva, durch die das Erlösungswerk möglich werde.
Bodo Brinkmann stellte dann am Schluss seines Vortrags noch die Frage nach dem möglichen ursprünglichen Ort der Bildtafel. Von der Bildrückseite mit der Darstellung des Planetengottes Sol her (in Schwäbisch Gmünd könne dies erstmals von einer breiteren Öffentlichkeit betrachtet werden) und der Darstellung weiterer Planetengötter auf der zugehörigen Tafel in Stockholm, könne davon ausgegangen werden, dass es auch eine Darstellung des Jüngsten Gerichts als dem Ende der Zeit gegeben haben müsse, wenn die Tafeln für eine astronomische Uhr gedacht gewesen seien, worauf manches hindeute.
Allerdings sei eher unwahrscheinlich, dass dies die astronomische Uhr des Straßburger Münsters hätte sein sollen. Dass dieses und andere Rätsel des Bildes nicht gelöst seien, mache die Faszination dieses Bildes Baldungs aus, schloss Brinkmann seinen Vortrag. Im Anschluss kam es vor dem Bild im Museum noch zu einer Reihe von Gesprächen des Vortragenden mit Besuchern, die zeigten, dass in diesem Bild weiterhin viel zu entdecken ist.

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