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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Norbert Lammert bei „Zur Sache!“ in Gmünd

Fotos: Romano

37 Jahre lang schätzte man ihn im Bundestag für seine brillanten Reden und seinen Humor. Selbst nach seiner aktiven politischen Karriere ist der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) ein begnadeter Erzähler. Das bewies er am Mittwochabend bei „Zur Sache!“, der Talkreihe der WWG Autowelt und Villa Hirzel.

Mittwoch, 11. Januar 2023
Thorsten Vaas
3 Minuten Lesedauer

Als Norbert Lammert im Oktober 2005 Präsident des Deutschen Bundestags wird, ahnt er wahrscheinlich kaum, wie lange er dieses zweithöchste Staatsamt inne haben würde. Viele seiner Vorgänger sitzen eine Legislaturperiode lang den Parlamentariern gegenüber, dann wartet ein neues Amt. Er bleibt zwölf Jahre lang Bundestagspräsident und ist damit neben Rita Süssmuth und Eugen Gerstenmaier einer der wenigen, die zehn Jahre oder mehr über die parlamentarischen Regeln wachen. Dieses zweithöchste Amt sei jedoch nur protokollarischer Natur. Wenn Bundespräsident, Bundestagspräsident, Kanzler, Bundesratspräsident und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts gleichzeitig anwesend sind „und sich ins Goldene Buch eintragen, dann spielt die Reihenfolge eine Rolle. Aber sonst nicht“, sagt Lammert am Mittwoch beim Talk der WWG Autowelt, Villa Hirzel, Studio Achtender und der Rems-​Zeitung als Medienpartner. WWG-​Chef Jürgen Eberle ist davon angetan, wie schnell wieder alle Eintrittskarten verkauft waren. Gut so, denn die Einnahmen sind für den guten Zweck bestimmt: die Hoffnungshäuser (siehe Infokasten).
Mit der Recherche für diesen Talkabend hätte ZDF-​Moderator Norbert König auch fünf Wochen Urlaub gebrauchen können, handelt es sich doch bei Lammert nicht um irgendeinen Abgeordneten, sondern viel eher um ein Urgestein des Bundestags, dem er 37 Jahre lang angehörte. Als der Krieg in der Ukraine im Februar 2022 die Welt erschütterte, hatte sich der CDU-​Politiker längst aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen, doch die Zeitenwende, von der Bundeskanzler Olaf Scholz nach Kriegsbeginn sprach, die habe schon viel früher begonnen. „Er verdrängt, dass diese Zeitenwende bereits acht Jahre vorher eingetreten ist“, nämlich mit der Besetzung der Krim. Ebenso wie für viele Experten steht für Lammert fest: In den Augen von Russlands Präsident Wladimir Putin besitze ein Staat wie die Ukraine kein Existenzrecht. Angesichts der Vorzeichen sei die Überraschung über die russische Invasion in der Ukraine nicht groß, „aber der Schock bleibt gewaltig, dass es im 21. Jahrhundert und auf europäischem Boden möglich ist“. Es ist die wahrscheinlich größte Sorge, doch nicht das einzige, beunruhigende weltpolitische Ereignis.
Brasilien, der Sturm auf den Kongress – „wie sehr besorgt Sie, dass undemokratische Kräfte eine solche Macht gewinnen, auch im Kleinen in Deutschland?“, will Moderator König wissen. „Sehr, weil es sich nicht um singuläre Ereignisse handelt, sondern um einen globalen Trend“ – ziemlich genau das Gegenteil dessen, was man vor 30 Jahren als wahrscheinliche Entwicklung angenommen hatte. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands und Demokratisierungsbewegungen glaubte man, die Systemfrage sei entschieden. Nun müsse man feststellen: „Die Zahl der Demokratien ist nicht größer, sondern kleiner geworden.“ Zur großpolitischen Lage gesellen sich Schlagworte, die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland bewegten und bewegen. „Gewaltexzesse, die Folgen des Ukraine-​Krieges, Corona, Reichsbürger und Lützerath ganz aktuell“, zählt König auf, worauf Lammert eine Bemerkung Kurt Tucholskys einfällt: „Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig.“ Viele Befunde würden in dieses Schema passen. Für viele Menschen der heutigen Generation sei das Jahr 2022 das schwierigste überhaupt gewesen, mehr als 80 Prozent der zum Jahreswechsel befragten Menschen sei der Meinung, man sei gut mit all den Herausforderungen fertig geworden, sagt der heutige Präsident der unionsnahen Konrad-​Adenauer-​Stiftung.
Nicht nur Tucholsky, sondern auch Lammert selbst war und ist schon immer rhetorisch gewandt. Markige Zitate sind von ihm niedergeschrieben, wobei er auch seine eigenen Parteikollegen Kontra bot, wenn es sein musste. Etwa Kanzlerin Angela Merkel, der er als Bundestagspräsident entgegnete: „Also, Frau Bundeskanzlerin. Ich halte es für eine abwegige Empfehlung, dass, wenn Sie schon einmal versehentlich bei einer Regierungsbefragung da sind, irgendjemand Sie auffordern könnte, die Regierungsbank zu verlassen.“ Lammert grinst, als auf der Bühne das Video abgespielt wird. Und lacht, als König dann das Video mit den besten Szenen zeigt, wie sich Lammert mit Gregor Gysi (Linke) immer wieder um die Redezeit streitet. Gysi will länger, Lammert mahnt. „Sie könnten auch mal mit dem Interessanten anfangen“, empfiehlt er dem Linken-​Abgeordneten, der ihm des andauernden Disputs wegen zum Geburtstag eine neue Uhr schenken will. Und sein Versprechen auch einlöst. „Kurze Zeit nach meinem Geburtstag meldete er sich in meinem Büro an, um mir ein Geschenk zu übergeben. Eine Standuhr. Bei der die Zeiger linksherum laufen.“

Für den guten Zweck
Alle Einnahmen des WWG-​Talks „Zur Sache!“ werden an die Gmünder Hoffnungshäuser gespendet. „Wir wollen unserer sozialen Verantwortung nachkommen“, sagte WWG-​Chef Jürgen Eberle, als die Talkreihe Ende vergangenen Jahres in neuer Form startete. Die 15 Euro, die die Eintrittskarten kosten, sind gut angelegtes Geld – es fließt zu 100 Prozent in dieses einzigartige Wohnkonzept in der Taubentalstraße. Die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner sind Menschen mit Fluchthintergrund, die andere Hälfte sind Einheimische, die lange hier verwurzelt sind und sich ganz bewusst für Integration stark machen. Die Hoffnungsträger Stiftung hat bereits neun solcher Wohnkonzepte in Baden-​Württemberg realisiert, unter anderem einen Standort in Gmünd, den Denise und Martin Schechinger leiten.

Der nächste Talkgast von ZDF-​Moderator Norbert König steht bereits fest. Es ist Deutschlands bekanntester Skispringer, Weltmeister und Medaillengewinner bei Olympia: Karl Geiger. Die Schanzen sind seine sportliche Heimat, doch verwoben ist er auch mit der Region. Seine Frau stammt aus Leinzell, seit November vergangenen Jahres ist Geiger Markenbotschafter der WWG Autowelt. Noch läuft die Skisprung-​Saison, weshalb es noch keinen genauen Termin gibt. Angepeilt wird die Zeit von April bis Mai. Karten gibt es dann wie immer in der WWG Autowelt, der Villa Hirzel und bei der Rems-​Zeitung.

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