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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Alleinsein an Feiertagen

Grafik: rz

Weihnachten ist das Fest der Familie, an Silvester schmeißt man eine Party mit Freunden. Wer das nicht tut, gilt schnell als Außenseiter oder wird bemitleidet. Doch warum eigentlich? Dieser Frage widmet sich — passend zu Weihnachten — die Marginalie diesen Samstag.

Sonntag, 25. Dezember 2022
Sarah Fleischer
2 Minuten 25 Sekunden Lesedauer

An Weihnachten eine Marginalie über Weihnachten zu schreiben – kreativ ist anders. Trotzdem ist das christliche Fest der Nächstenliebe so präsent, wird einem überall auf dem Silbertablett präsentiert. Überall in der Gmünder Innenstadt stehen Weihnachtsbäume verteilt, der größte davon prangt mitten auf dem Marktplatz, wo in den vergangenen Wochen auch noch der Weihnachtsmarkt für dauerhafte Berieselung mit Weihnachtsmusik und Glühweinduft sorgte. Selbst bei einem schnellen Sprung zur Drogerie, um endlich eine neue Lippenpflege für den von der kalten Winterluft malträtierten Mund zu besorgen, wird man von der glitzernden Deko an der Decke fast erschlagen. Für Weihnachtshasser muss es die Hölle sein.

Warum also lieben so Viele das Fest am 24. Dezember? Eigentlich ist es auch nur ein Tag wie jeder andere, wäre da nicht die Bedeutung, die unser mitteleuropäischer, christlich geprägter Kulturkreis diesem Tag beimisst und der man sich schwer entziehen kann. In einem eigentlich säkulären Staat halten Politiker Weihnachtsansprachen. Selbst Menschen, die der Kirche beziehungsweise dem Christentum den Rücken gekehrt haben, stürzen sich in den Geschenkekauf, schauen zum hundertsten Mal „Kevin – Allein zu Haus“ und essen Plätzchen, bis ihnen schlecht wird. Denn das verknüpfen die meisten Menschen, Kolumnistin eingeschlossen, mit Weihnachten: Nostalgie, Erinnerung an die Kindheit, das Gefühl von Geborgenheit und Familie.

Darum bemitleiden wir Menschen, die an diesem Tag alleine sind. „Die arme Frau“, denken wir, wenn wir von der kinderlosen, unverheirateten 95-​Jährigen hören, die Weihnachten allein in ihrer Wohnung verbringt. Sie wird auch an Silvester nicht aufbleiben, sondern frühzeitig schlafen gehen – so, wie sie es seit Jahrzehnten fast jeden Tag tut. „Oh nein, wie traurig.“ Dabei verwechseln wir Alleinsein mit Einsamkeit und vergessen, dass Menschen, die an Weihnachten und Silvester alleine sind, das auch an den meisten anderen der restlichen 363 Tage im Jahr sind.

Man gibt sich solche Mühe, diese Tage zu etwas Besonderem zu machen: Weihnachten mit der Großfamilie und perfektem Fünf-​Gänge-​Menü, Silvester in Paris oder im Ski-​Ressort in den Alpen, aber bitte mit Kuss um Mitternacht. Wer den Tag einfach nur „verbringt“, fühlt sich fast ein bisschen langweilig, als gesellschaftlicher Loser. Dabei spielt Weihnachten für Millionen von Menschen keine Rolle in ihrem Leben, weder im religiösen, noch im kapitalistischen Sinn. Und auch Silvester ist für uns nur deshalb ein besonderer Tag, weil eben irgendwann einmal festgelegt wurde, dass nach 365 – beziehungsweise manchmal auch 366 – Tagen ein neues Jahr beginnt und damit die Chance auf einen Neuanfang, das perfekt Leben, die Bikinifigur und so weiter.

Löst man sich von diesen Erwartungen, kann man derlei Festtage entspannter angehen. Immerhin erlebt der erwachsenen Mensch Pi mal Daumen 50 mal Weihnachten und Silvester – Muss da jedes einzelne perfekt sein? An jedes dieser Feste erinnert man sich kaum.
Dieses Jahr keine große Silvester-​Sause geplant? Keine Lust, die bucklige Verwandtschaft samt Anhang an den Feiertagen zu verköstigen? Das ist jedermanns (und jederfraus) gutes Recht. Genau so, wie man sich auf Weihnachten und Silvester freuen darf und diese Tage nach Herzenslust zelebrieren darf. Welche Bedeutung man Weihnachten beimisst, bleibt jedem selbst überlassen.
Also: An alle einen schönen 24. Dezember. Was auch immer Sie daraus machen.

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