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Akzeptiert werden, wie man ist

Wie lebt es sich eigentlich mit einer Behinderung? Und wo werden behinderte Menschen in unserer Stadt unnötig behindert? Über dieses Thema sprachen wir aus Anlass des Gleichstellungstages mit Marlena Muller und Erkan Gezen. Von Tanja Bullinger

Samstag, 02. Mai 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 16 Sekunden Lesedauer

SCHWÄBISCH GMÜND. Es ist windig und ein wenig kühl, dennoch kann man im Straßencafé ganz gut draußen sitzen. Noch vor einem Jahr wäre es Erkan, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, nicht so ohne weiteres möglich gewesen, sich hier zu treffen. Damals lebte er noch am Hauptsitz der Stiftung Haus Lindenhof in Bettringen. Von hier brauchte er immer einen Fahrdienst, um in die Stadt zu kommen, oder aber Marlena oder andere Bekannte begleiteten ihn mit dem Bus. Seit einigen Monaten lebt er aber in einer betreuten Wohngemeinschaft mitten in der Stadt, wo es ihm sehr gut gefällt, wie er lächelnd erzählt. Und nun ist er auch öfter in der Innenstadt anzutreffen. Erkan lernt gerne neue Menschen kennen, wie er erzählt, am meisten würde der 26-​Jährige sich wünschen, dass Leute einfach auf ihn zugehen, und mit ihm reden. Doch oft seien Menschen im Hinblick auf seine Behinderung unsicher, wie sie mit ihm umgehen sollten, meint er.
Marlena Muller hingegen hat ein ganz anderes Problem: im Gegensatz zu Erkan ist ihr ihre Behinderung nicht auf Anhieb anzusehen. Aufgrund einer schweren Geburt – sie kam mit der Nabelschnur um den Hals auf die Welt – leidet sie an einer Lernbehinderung. „Wenn ich an der Kasse länger brauche, um zu bezahlen, werden die Leute hinter mir oft ungeduldig“, meint sie. Und auch auf Ämtern würde sie sich ein wenig mehr Unterstützung wünschen, nicht nur den Hinweis, zu Hause werde ihr schon jemand helfen. Marlena wohnt noch bei ihrer Mutter, den Schritt in eine eigene Wohnung zu ziehen wagt sie noch nicht so richtig. Auf der einen Seite möchte man unabhängig sein, auf der anderen braucht man aber eben auch Unterstützung“ erzählt sie von dieser Gradwanderung.
Tatsächlich beobachten die beiden, dass sich im Laufe der Jahre im Hinblick auf die Akzeptanz von Behinderten etwas verändert. Barrierefreiheit wird mehr und mehr zum Thema, für Behinderte wird es langsam leichter, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wenngleich es natürlich nach wie vor vieles zu Verbessern gibt, wie sie betonen.
Erkan und Marlena sind froh, beide einen Arbeitsplatz zu haben. Sie arbeitet in einer Schulmensa in Aalen, er in einer Werkstätte des Lindenhofs. Allerdings würde Erkan lieber in einem Dönerladen arbeiten, weil man da mehr Leute trifft, meint er lächelnd. Marlena gefällt ihre Arbeit gut, sie hofft, dass sie sie nicht verliert – „ich war schon mal vier Jahre lang arbeitslos“, meint die 26-​Jährige, „das war nicht schön“ Und mit Behinderung eine Arbeit zu finden sei nach wie vor sehr schwierig. Auch in ihrer Freizeit gehen beide gerne unter Leute. Marlena spielt Klarinette bei der neuen Guggenmusikkapelle „Los Krawallos“, Erkan geht lieber als Besucher auf Konzerte.
„Einfach so akzeptiert werden, wie man ist“, das ist sowohl für Erkan als auch für Marlena der größte Wunsch. Dafür setzten sie sich bei der Veranstaltung zum Gleichstellungstag mit der Gruppe „Aktion Netzwerk“ seit einigen Jahren ein. Hier können Nichtbehinderte zum Beispiel in einer dunklen Bar oder bei einem Rolli-​Parcours testen, wie Menschen mit Behinderung zurecht kommen müssen. Diese Veranstaltung findet auch am kommenden Dienstag wieder statt.

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