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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Fasching in Gmünd: Silbermännle im Blick

Gänsehaut! Und die ganz gewiss nicht nur wegen der Kälte am Donnerstagabend, als wir nach der Corona-​Enthaltsamkeit der letzten zwei Jahre endlich mal wieder dem Gmünder Silbermännle gegenüberstehen durften. Was hat die Symbolfigur der Gmender Fasnet doch alles zu erzählen? Wenn sie denn könnte! Mit dieser Frage beschäftigt sich die Samstagsmarginalie der Rems-​Zeitung.

Sonntag, 14. November 2021
Nicole Beuther
2 Minuten 14 Sekunden Lesedauer

Denn das Silbermännle wurde schon von seinen Urvätern zu einem würdevollen und geheimnisvollen Schweigen verurteilt. Dabei gäbe es ja unendlich viele Fragen, die wir dem guten Geist der Gold– und Silberstadt stellen möchten. Das Silbermännle darf stadthistorische als der älteste Transformations-​Experte in der Geschichte der Stauferstadt Gmünd eingestuft werden. Eine wunderbare Legende wie aus einem Märchenbuch. Während sich aktuell ganze Gremien mit hochrangigen Vertretern aus Wirtschaft und Politik die Köpfe darüber zerbrechen, wie der Übergang zu einer neuen industriellen Zeitrechnung gelingt, war’s beim Silbermännle vor rund 500 Jahren eine katholisch-​zündende Idee.
Es war damals der durch die Wirren der protestantischen Zeit verarmte Gmünder Kunsthandwerker Ignaz Eusebius Storr, der nicht mehr wusste, wie er seine Familie mit einer großen Kinderschar ernähren soll. Bei einem Spaziergang im Klosterwald von Gotteszell kniete er sich nieder und betete verzweifelt. Da soll ihm dann ein Geist in der Gestalt des heute so verehrten Silbermännle erschienen sein. Der gab dem Handwerker einen Tipp: Er möge sich doch im katholischen Gmünd nicht auf Modeschmuck, sondern auf die Produktion von Rosenkränzen und Kirchen-​Silber konzentrieren. Darauf soll nicht nur im Hause des Ignaz Eusebius, sondern in ganz Gmünd der Wohlstand eingezogen sein.
Die ganze Geschichte ist freilich viel zu schön, um wahr zu sein. Heute würde man „Fake News“ dazu sagen. Die Rems-​Zeitung darf sich in diesem einen Fall jedoch voller Stolz zu diesen „Fake News“ bekennen. Ende der 1930er Jahre hatte sich die Gmünder Heimatzeitung zusammen mit dem Kunstlehrer Wilhelm Bauknecht unter schlimmsten Rahmenbedingungen der Nazi-​Gleichschaltung ein Stückchen Freiheit erlaubt und zur Fasnet eine vermeintlich sensationelle Entdeckung im Stadtarchiv publiziert, wonach die Geschichte der Gold– und Silberstadt Schwäbisch Gmünd in großen Teilen hätte fast neu geschrieben werden müssen. Im Stadtarchiv überraschend aufgetaucht war demnach ein Augenzeugeprotokoll des Ignaz Eusebius Storr mitsamt einer Phantomzeichnung des Gmünder Silbermännle. Diese Enthüllungsgeschichte war so gut geschrieben und gezeichnet, dass sie Stadtgespräch und schließlich in der Gestalt des Silbermännle zu einem Glücksbringer und zur Symbolfigur der Fasnet wurde. Dem überwiegend von Nazi-​Größen besetzte Elferrat soll zähneknirschend dem nicht abgesprochenen Streich der Rems-​Zeitung zugestimmt haben, obwohl damit ja auch nicht die nationalsozialistische Weltanschauung, sondern indirekt die Rolle der ungeliebten Kirche fürs wirtschaftliche Wohlergehen Gmünds betont wurde.
Am jüngsten 11.11. haben wir uns übrigens vergeblich bemüht, das Gmünder Silbermännle zu einem Interview zu bewegen. Wir hatten uns goldene Tipps vom Silbermännle zur aktuellen Krisenbewältigung erhofft. So wie vor 500 Jahren. Doch die geheimnisvolle Spukgestalt blieb seiner Tugend treu: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“
Ist das nun eine Untugend oder Tugend des Gmünder Silbermännle? Sein Verhalten ist nachvollziehbar, weil in der großen Politik ja aktuell eh schon wieder viel große und laute Töne gespu©kt werden. Unser Silbermännle wirkte bei seiner Begrüßung 2021 am Donnerstagabend jedoch nachdenklicher denn je.

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