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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Die gesperrte Brücke und die Frage nach dem gesunden Menschenverstand

Foto: gbr

Inwieweit darf eine Stadt wie Gmünd eigentlich noch auf den gesunden Menschenverstand von Bürgerinnen und Bürgern vertrauen, ohne dass sie von einer Schadensersatzforderung in die nächste stolpert? Diese und andere Fragen stellen sich im Hinblick auf die witterungsbedingte Sperrung der Hängebrücke über den Josefsbach. Die „Marginalien“ der Rems-​Zeitung befassen sich damit — und können hier gratis online und in voller Länge gelesen werden.

Sonntag, 11. Dezember 2022
Gerold Bauer
2 Minuten 49 Sekunden Lesedauer

Gehirn einschalten
Huch, es ist ja kalt draußen und glatt auf Wegen, Stegen und Straßen. So sicher wie das Amen in der Kirche und der Heilige Abend am 24. Dezember ist alle Jahre wieder bei vielen im Winter die Überraschung groß – und alle Jahre wieder bricht beim ersten Schnee die große Hektik aus, weil das Auto ohne Winterreifen unterwegs ist und kein Reifendienst so kurzfristig einen Termin frei hat. Da viele Menschen in der Tasche ein Gerät mit sich herumtragen, das (wie der Name schon andeutet) intelligenter ist als sie selbst, könnten sie doch dessen Erinnerungsfunktion nutzen. Dummerweise ist das Gerät aber nicht so intelligent, dass es Gedanken des Eigentümers lesen und ihn daran erinnern kann, dass er diese Erinnerung in den elektronischen Terminkalender eintragen sollte. Selbst Siri und Alexa versagen da kläglich.
Immer öfter stellt man in der modernen Gesellschaft fest, dass Menschen ohne elektronische Unterstützung völlig hilflos durchs Leben rennen würden. Orientierung ohne Navi? Für viele inzwischen undenkbar. Und spätestens wenn jemand die Taschenrechner-​Funktion auf dem Handy nutzt, um zu erfahren, was vier mal zehn ergibt, sollte er sich an den Kopf fassen, um zu überprüfen, ob dort noch ein eigenes Gehirn vorhanden ist oder das edle Haupt nur noch dazu dient, dass es nicht in den Hals hinein regnet.
Denkfaulheit geht oftmals einher mit dem Vernachlässigen der Eigenverantwortung. Immer umfangreicher werden in den Gebrauchsanweisungen von technischen Geräten oder medizinischen Produkten die Sicherheitshinweise. Manchmal fehlt nur noch die Warnung, dass man während des Lesens der Gebrauchsanweisung nicht vergessen darf zu atmen, weil sonst Erstickungsgefahr besteht. Denn dann hätte der Hersteller ja einen Schadensersatzprozess der Hinterbliebenen am Hals.
Die Angst, dass jemand nach einem Sturz von der Stadt Schadensersatz verlangen könnte, hat wohl auch dazu geführt, dass die Hängebrücke über den Josefsbach nun witterungsbedingt gesperrt wurde. Eigentlich müsste ja schon jedes Kind und erst recht jeder Erwachsene von selbst wissen, dass Holz bei Nässe und Kälte rutschig ist. Man nennt so etwas Wissen auf der Basis von Lebenserfahrung. Um auf Nummer Sicher zu gehen, stellen Kommunen und Privatleute trotzdem noch Warnschilder als Erinnerung auf. „Achtung Rutschgefahr bei Kälte oder Nässe“ oder „Kein Winterdienst. Betreten auf eigene Gefahr!“ und dergleichen. Das hätte eigentlich gereicht bei der Hängebrücke über den Josefsbach (die aufgrund der Sperrung der Waldstetter Brücke für viele eine willkommene Ausweichverbindung zwischen der Süd– und der Innenstadt darstellt). Dann könnte jeder Passant ganz für sich selbst entscheiden, ob das Benutzen der Brücke für ihn ein Risiko darstellt. Kurz mit der Schuhsohle übers Holz scharren – und schon weiß man Bescheid. Denn in einem milden Winter gibt es ja durchaus Tage, an denen diese Brücke gefahrlos begehbar ist.
Aber wer weiß, vielleicht übersieht das Schild ja jemand und verletzt sich beim Sturz? Deshalb hat die Stadt dort keine halben Sachen gemacht, sondern den Zugang zur Brücke mit mannshohen Metallgittern verbarrikadiert. Das müsste doch wirklich jede nur erdenkliche Gefahr bannen? Eben nicht; schon am ersten Tag der Sperrung nutzen Jugendliche das Gitter als Klettergerüst und hangelten sich mit einem Tritt aufs Geländer an der Barrikade vorbei. Passt ja irgendwie zu einer solchen Brücke, die an einen Indiana-​Jones-​Film erinnert. Aber was, wenn bei dieser Kletterpartie jemand abstürzt? Vielleicht sollte die Stadt schnell nachbessern und das Sperrgitter um die Ecke herum verlängern. Oder vielleicht nur ein Schild aufstellen mit dem Text „Es könnte hier rutschig sein. Also Gehirn einschalten und eigenverantwortlich Vorsicht walten lassen!“
(meltemi)

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