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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Und plötzlich hielt das Papamobil

Grafik: RZ-​Archiv

Dass Schwäbisch Gmünd wie ein katholisches Eiland in einem weitgehend protestantischen Meer liegt, ist nicht gerade neu. Sonst wäre Gmünd früher nicht mit so putzigen Beinamen wie „Schwäbisch Nazareth“ belegt worden. Dass aber der vor kurzem verstorbene emeritierte Papst Benedikt XVI. fast ein Gmünder ehrenhalber war, dürfte wahrscheinlich nicht ganz so bekannt sein. Warum, hat unser Autor Hans Riedl herausgefunden.

Sonntag, 08. Januar 2023
Franz Graser
2 Minuten 21 Sekunden Lesedauer

Dabei hat der frühere Pontifex die Stauferstadt vermutlich nie betreten, auch nicht in den Zeiten vor seiner Papstwahl. Zumindest der frühere Münstermesner Paul Weinmann erinnert sich nicht an einen solchen Besuch, und Weinmann gilt in diesen Dingen als Autorität und als wandelndes Lexikon.
Aber wenn der Papst nicht nach Gmünd gekommen ist, dann sind zumindest einige Gmünder eben zum Papst gekommen – beziehungsweise zum Kardinal Ratzinger, als er noch nicht auf dem Stuhl Petri saß.

Paul Weinmann und seine Frau Walburga sind oft nach Rom gereist, und dort haben sie den Kardinal Ratzinger auch einmal getroffen. Weinmann hatte gute Kontakte in die Ewige Stadt, und von dort hatte er erfahren, dass der damalige Präfekt der Glaubenskongregation jeden Morgen zu Fuß über den Petersplatz zu gehen pflegte, um zu seinem Büro im Gebäude des Heiligen Offiziums zu gelangen – in seinem langen Mantel, mit einer schwarzen Baskenmütze auf dem Kopf und einer abgegriffenen Ledertasche in der Hand sah er aus wie ein ganz normaler und bescheidener Priester, der sein Tagewerk beginnt.

Und oft sind es ja die Frauen, denen es leichter fällt, den Kontakt zu solch hochgestellten Persönlichkeiten herzustellen und das Eis zu brechen. Ganz ähnlich ist es vor langer Zeit einmal der Frau eines Kollegen gegangen. Als sie in der Oberstufe im Leistungskurs Religion war, fiel ihr die Aufgabe zu, den Weihbischof Kuhnle zu begrüßen, der seinerzeit die Schule besuchte. Weil sich die Jungs nicht trauten, holte sie den Weihbischof ab, als sein Wagen vorfuhr. Dabei war sie die einzige Evangelische im Kurs.

Und so traf das Gmünder Mesner-​Ehepaar Weinmann seinerzeit an einem Morgen auf dem Petersplatz den späteren Papst. Als beide den Kardinal ansprachen und der den bayerischen Zungenschlag von Frau Weinmann hörte, fragte dieser erstaunt: „Ja, wo san’s denn her?“ Als Walburga Weinmann ihm erklärte, dass sie aus der Nähe von Ratzingers Heimatort stammte, taute dieser sichtlich auf. Und so entspann sich ein freundlicher Smalltalk über Gott und die Welt, in dessen Verlauf Paul Weinmann sein Kolping-​Büchlein zückte und den Kardinal um ein Autogramm für sein bereits reichlich mit prominenten Unterschriften gefülltes Büchlein bat. Ratzinger unterschrieb gerne.

Jahre später, der Kardinal war mittlerweile zum Papst gewählt worden, war das Mesner-​Ehepaar wieder in Rom. Bei der Papstaudienz auf dem Petersplatz standen die beiden in der ersten Reihe, und als Papst Benedikt vorbeifuhr, sagte Frau Weinmann in ihrem bayerischen Dialekt „Grüß Gott“. Das Papamobil hielt an, und der Papst reichte dem Ehepaar die Hände zum Gruß.

Warum aber ist Ratzinger quasi ein Gmünder ehrenhalber gewesen? Das hat mit dem Altersgenossenverein 1927 zu tun, dem der Heimatdichter Oskar Kucher angehörte, der 2018 verstarb. Kucher hatte dem Kardinal zu den jeweiligen Altersgenossenfesten einen Brief geschrieben. Zum 80er-​Fest im Jahr 2007 setzte Kucher wiederum ein Schreiben auf und übergab es dem Ehepaar Weinmann, das wieder einmal nach Rom reiste. Die Weinmanns nutzten ihre Kanäle in der Ewigen Stadt. „Der Brief hat den Papst erreicht“, schmunzelt der frühere Münstermesner noch heute. Und so kam es, dass der AGV 1927 über beste Kontakte zu Benedikt XVI. verfügte.

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