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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Wasserstoff: Spatenstich für Elektrolyseur in Gmünd

Foto: tv

Für Politiker und Verwaltung ist es die Zukunft, für den Steuerzahler dagegen ein sündhaft teurer Ritt auf Messers Schneide: der Elektrolyseur in Schwäbisch Gmünd. Am Donnerstag begann der Bau dieses Apparats, der aus ökonomischer Sicht hier gar nicht entstehen dürfte. Möglich macht’s die Lobby.

Donnerstag, 12. Oktober 2023
Thorsten Vaas
1 Minute 33 Sekunden Lesedauer

Zukunft ist das meist bemühte Wort auf dem Gügling. Was Rang und Namen hat, versammelt sich am Donnerstagmorgen dort zum Spatenstich für eine Wasserstoffproduktion, mit der pathetische Hoffnungen verbunden sind: „Es geht um die Zukunft unserer Kinder“, sagt Matthieu Guesné, Chef der französischen Firma Lhyfe. Seine Firma baut diesen Apparat, der täglich 3,2 Tonnen grünen Wasserstoff (H2) für Autos, Laster, Heizungen und die Industrie im benachbarten Technologiepark Aspen produzieren soll. Eine Tonne davon werde an Ort und Stelle verbraucht, der Rest mit Diesel-​Lastern weggefahren. „H2 ist eine gute Lösung für die Stahlproduktion“, sagt Guesné, hinter dem eine Präsentation läuft. Man sieht grüne Wälder, Wasserstoffautos und –züge, den Traum einer emissionsfreien Zukunft – „das ist der Grund, warum wir es tun“, meint der Franzose und holt schließlich sein Team auf die Bühne. Applaus aus dem Publikum, dann klatscht er seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab. Ein Hoch auf sich selbst und die Zukunft. Und auf die Stahlindustrie, die es hier nicht gibt.
Vielleicht kommt sie noch. Denn der Elektrolyseur werde ein Magnet sein, „es wird sich eine ganze Industrie hier ansiedeln“, prophezeit Luc Graré, der Mittel– und Osteuropa für Lhyfe betreut. Bis zu 3000 Arbeitsplätze versprechen sich die Projektbeteiligten in den kommenden zehn Jahren. Rund fünf davon allein beim Elektrolyseur. 2995 weitere sind Zukunftsmusik. „Es ist ein besonderer Tag für die Industriegeschichte von Schwäbisch Gmünd und Baden-​Württemberg“, schwärmt Gmünds Oberbürgermeister Richard Arnold beim Spatenstich für jenes Prestigeprojekt, das ein einziger Superlativ zu sein scheint. Versprechungen, Hoffnungen und Glaube sind mit der „größten kommerziellen Wasserstoffanlage in Baden-​Württemberg“ verwoben, für die Schwäbisch Gmünd jede ökologische Grundlage fehlt. Dafür ist aber genug Steuergeld von Land und der Europäischen Union da. Was damit hier in einem Jahr Bauzeit entsteht, „braucht Mut, es ist ein Präzedenzfall in der Industrie“, sagt der Rathauschef. Und es ist ein Beispiel dafür, wie Lobbyismus vor der Haustüre funktioniert. Es beginnt schon mit der Einladung zum Spatenstich-​Termin.

Mehr über den Spatenstich, Lobbyismus und die Visionen lesen Sie am Freitag in der Rems-​Zeitung.

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