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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Schmiedgassen: Das Klavier an die Wand gemalt?

Grafik: rz

Dass sich in den Schmiedgassen im Rahmen der Pop-​up-​Projekte etwas tut und damit der Auftakt zur Umgestaltung in Richtung lebenswerte Altstadt signalisiert wird, finden viele Leute sehr gut. Über die Art und Weise der Gestaltung gibt es jedoch unterschiedliche Meinungen. Die „Marginalien“ in der Rems-​Zeitung befassen sich diese Woche damit!

Samstag, 21. August 2021
Gerold Bauer
2 Minuten 31 Sekunden Lesedauer

Es ist schon eine Weile her, als ein damals noch junger Mann mit dem Umbau seines Eigenheims begann und dafür auch einige nicht alltägliche Ideen für die Gestaltung hatte. Glücklicherweise, so muss man im Rückblick sagen, hatte er einen sehr guten Architekten aus Heubach, der sich nicht scheute, den Bauherren in seinem jugendlichen Überschwang etwas einzubremsen. „Was Sie da vorhaben ist so, als würden Sie das Klavier an die Wand malen!“, sagte er unmissverständlich. Ein Satz, der dem jungen Journalisten fortan immer wieder in den Sinn kam und der ihn heute noch als Ausschlusskriterium vor der Umsetzung von so manchem Hirngespinst bewahrt. Der kluge Architekt hatte ihm damals erklärt, dass man beim Bauen die Funktion und die Optik nicht komplett voneinander abkoppeln sollte – sofern es sich nicht um reine Zierelement handelt.
In diesen Tagen geht dem mittlerweile nicht mehr jungen Journalisten dieser Satz wieder durch den Kopf, wenn er sich den Sandstrand zwischen den beiden Schmiedgassen anschaut. Dort wurde zwar kein Klavier an die Wand, aber immerhin das Ufer eines Meeresufers aufs Pflaster gemalt. Aus optischer Sicht eine echt gelungene Aktion des Gmünder Airbrush-​Künstlers Udo Schurr.
Aber so schön Schurrs Bilder auch sind – so mancher fragt sich grundsätzlich, ob ein solcher „Sandstrand“ mitten in der Stadt wirklich am richtigen Platz ist. Zumal Gmünd ja schon am Zusammenfluss von Josefsbach und Rems einen echten Strand hat – und zwar einen, der sich genau dort befindet, wo Strände gemeinhin auch zu finden sind; nämlich am Ufer eines Gewässers. An heißen Tagen dort die Füße zur Abkühlung ins Wasser tauchen ist ein wunderbares Gefühl. Oder die Augen schließen, dem Plätschern der Rems zuhören und in Gedanken eine kleine Urlaubsreise machen, ist ein erfrischendes Kopfkino für die Mittagspause oder für Menschen, die dieses Jahr nicht ans Meer reisen können oder wollen.
Dieses Kopfkino funktioniert vielleicht auch am Schmiedgassen-​Strand, wo man zwar kein Meeresrauschen hört, aber als Ersatz ja immer noch – wenn auch etwas eingeschränkt – der Verkehr vorbeirauschen darf. Und wenn wir schon beim Kopfkino sind, dann dürfen wir uns ja auch alternative Ideen für die Schmiedgassen ausmalen, die an einen solchen Ort ohne offenes Gewässer vielleicht besser passen würden als die Illusion eines Sandstrands. Warum nicht durch Tische, Bänke und Blumentbeete dort eine Atmosphäre schaffen, die an Vorgärten in einer Vorstadtstraße erinnert? Vielleicht ein bisschen so, wie es in Teilen der Honiggasse an der Stadtmauer bereits von privater Seite eingerichtet wurde. Oder eine kleine Gartenwirtschaft, die von einem der Gastronomen in der Nähe betrieben werden könnte.
Über das provisorische Pop-​up-​Projekt hinaus sollte es gelingen, den Schmiedgassen dauerhaft wieder den Charakter eines Stadtquartiers zu geben, in dem man nicht nur schnell auf der Suche nach einem Parkplatz durchfährt oder einen Stopp für einen schnellen Café macht, sondern wo man auch gerne wohnt und sich vielleicht an einem warmen Sommerabend vor dem Haus hinsetzen und sich mit Nachbarn treffen kann. Denn in dieser Hinsicht können wir in Gmünd durchaus etwas lernen von Städten, die sich an einem echten Sandstrand befinden. In südlichen Ländern findet man es immer wieder, dass die Bewohner gegen Abend ihre Häuser verlassen und sich unter einen Baum am Straßenrand treffen. Man stellt einfach ein paar Stühle auf, bringt sich etwas zum Trinken mit und genießt das Miteinander. Davon würde das Stadtbild genauso profitieren wie von den mediterranen Kübelpflanzen auf dem Marktplatz. (pilatus)

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