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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Marginalie: Erbengemeinschaft

Grafik: RZ

In Berlin sucht man es vergeblich. In Hamburg, München und Stuttgart ebenso. Zu finden ist ein Stück des Immateriellen Kulturerbes der Unesco dagegen ausgerechnet in Schwäbisch Gmünd. Die Altersgenossenfeste wurden 2018 in die Liste aufgenommen – zeitgleich mit der Wiesenbewässerung per Staugrabenberieselung bei Landau in der Pfalz und der Helgoländer Dampferbörte, bei der Passagiere der vor Anker liegenden Seebäderschiffe mit Booten von und an Bord transportiert werden. Ging dem wohl eine Internet-​Suche nach den Begriffen „Tradition“, „Deutschland“ und „feuchtfröhlich“ voraus?

Sonntag, 12. Juni 2022
Benjamin Richter
2 Minuten 2 Sekunden Lesedauer

Natürlich war es in Wirklichkeit ganz anders. Transparent wird das komplexe Bewerbungsverfahren auf den Seiten der Unesco beschrieben, bei dem Interessengruppen in genau festgelegten Zeiträumen ihre Bewerbungen für das Verzeichnis einreichen können. Geprüft werden die Anträge anschließend nacheinander vom jeweiligen Bundesland, der Kultusministerkonferenz und dem Expertenkomitee Immaterielles Kulturerbe – wobei von jeder Instanz eine Auswahl getroffen wird und es nur die „Besten der Besten“ überhaupt auf die Schreibtische des Komitees schaffen. Das letzte Wort hat der Ausschuss für das Immaterielle Kulturerbe.

Dass er das Wohlwollen all dieser Expertengremien auf sich vereinen konnte, mag für den auf Auswärtige zunächst ziemlich beliebig wirkenden Brauch sprechen, gemeinsam mit einer Gruppe von Menschen durch die Innenstadt zu ziehen, die zufällig alle im selben Jahr ihre Geburt erlebten wie man selbst. Nun möchte sich der Kolumnist als Neu-​Gmünder noch nicht zu einem letztgültigen, zerschmetternden Urteil versteigen – kann allerdings an der Tradition der Altersgenossenfeste auf den ersten, zweiten und dritten Blick nicht viel mehr Besonderes feststellen, als dass die Leute bis heute, nach allem, was man weiß, in keiner anderen Gegend auf diese banale Idee gekommen sind. Einfach mag sie sein, wird nun mancher Leser erwidern, aber ist sie nicht auch genial? Na schön, ein Zugeständnis lässt sich machen: Die Altersgenossenvereine leisten als Orte der Begegnung einen bemerkenswerten Beitrag zur Integration von Neu– und dem Zusammenhalt von Altbürgern, die über keinerlei nennenswerte kulturelle, sportliche oder botanische Interessen verfügen und daher auf das Geburtsjahr als kleinsten gemeinsamen Nenner schauen müssen.

Es ist, wie gesagt, nur die Perspektive des Außenstehenden, der das bunte Treiben im Gehege von der anderen Seite der sicheren Glasscheibe aus verfolgt, aber mit den Altersgenossenvereinen scheinen die Gmünder das andernorts durchaus übliche Konzept des Klassentreffens verstetigt zu haben. Beinahe so, als dürfte Thommy Gottschalk „Wetten, dass..?“ nach siebenjähriger Abstinenz ab sofort wieder monatlich moderieren – nur viel persönlicher. Davor, Klassentreffen zu besuchen, warnt indes der Bestsellerautor Rolf Dobelli – es sei denn, man kann sich sicher sein, allen ehemaligen Mitschülern in puncto beruflicher Erfolg, Gehalt und Familienglück überlegen zu sein. Ist das nicht der Fall, kommt es schnell zu Neid und Eifersucht.

Vielleicht liegt darin das eigentliche – und von der Unesco als solches gewürdigte – Wunder der Altersgenossenfeste: dass die Gmünder hingehen und sich ehrlich darüber freuen können, dass die Altersgenossin mit dem liebenden Ehemann und den drei wohlerzogenen Kindern das Doppelte ihres eigenen Lohns verdient. Aber das glaube ich erst, wenn ich es sehe. (Robert Mirko)

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